Instagram, das Web und meine Berichterstattung für heute.de

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[dark_box]tl;dr: Wir sind alle Lobbyisten. Es wird Zeit, dass wir lernen genauer hinzusehen.[/dark_box]

Hach. War das gestern alles aufregend. In der Nacht von Montag auf Dienstag lese ich eine Meldung bei cnet, in der auf die neuen Nutzungsbedingungen bei Instagram eingegangen wird. Instagram will sich zum 16. Januar 2013 das Recht einräumen, Fotos zu verkaufen, lese ich dort und auf der Seite von Instagram.

Ein ziemlicher Klopper mit Blick auf das, was dabei alles mitschwingt. Aus dem Recht, die Fotos zu verkaufen, wurde dann bei deutschen Online-Medien “will verkaufen“. Auch bei meinem Artikel – allerdings nur in der Überschrift. Ansonsten stelle ich dar, dass sie sich das Recht einräumen, nicht dass sie es tun. Trotzdem eine Verkürzung, die im Laufe des Tages als irreführend kritisiert wurde. Got it. Ist ok. Mit Kritik muss man leben. Boulevard, nun ja, ich weiß nicht. Falsch? Nein.

[lightgrey_box]Im Prinzip kreiste die Kritik an den Artikeln also um das Verb “verkaufen”. Will Instagram nur das Recht oder wollen sie verkaufen? [/lightgrey_box]

Jetzt muss man sich mal kurz zurücklehnen und überlegen, wie das eigentlich gehen soll, dieses Verkaufen! Natürlich werden die von den Nutzern hochgeladenen Instagram-Bilder nicht verkauft, wie ein Brot, das über die Ladentheke gereicht wird. Es werden Daten an Dritte weitergereicht – sprechen wir also lieber von Lizenzen, die an Dritte ausgegeben werden. Das hat Instagram sehr wohl in ihrer neuen TOS angekündigt. Wer dann am Ende der Urheber ist, scheint Instagram egal. Es geht um die Verwertungsrechte der Bilder. Ist es deshalb unredlich von “verkaufen” zu reden?

Nun war der Aufschrei gestern groß: Panikmache, Hysterie, Journalisten nerven!

Am späten Dienstagabend deutscher Zeit kommt es zu einer Wendung, die unterschiedlicher gar nicht interpretiert werden könnte. Mitgründer Kevin Systrom meldet sich selbst zu Wort und verspricht, dass Instagram sehr wohl auf die Kommentare und Befürchtungen der Nutzer eingehen will und den Text der Nutzungsbedingungen erneut überarbeiten will. Vor allem will Systrom den Nutzern versichern, dass keinerlei Fotos der Nutzer verkauft würden. Auch würden Nutzer weiterhin Urheber bleiben. Wer ist eigentlich der Urheber noch gleich?

[white_box] I’m writing this today to let you know we’re listening and to commit to you that we will be doing more to answer your questions, fix any mistakes, and eliminate the confusion. As we review your feedback and stories in the press, we’re going to modify specific parts of the terms to make it more clear what will happen with your photos. Legal documents are easy to misinterpret. [/white_box]

Auf der einen Seite freuen sich diejenigen, die vorher “Panikmache, Hysterie, Journalisten nerven” geschrien haben, weil der Chef von einem Milliarden-Unternehmen die Journalisten und User als zu dumm überführt, die neuen TOS richtig zu interpretieren.

Auf der anderen Seite könnten sich User und Journalisten eigentlich freuen, dass sie ein Milliarden-Unternehmen dazu bewegen konnten, ihre TOS nochmal zu überarbeiten. Aber das wird gar nicht in Betracht gezogen.

[lightgrey_box]Folglich muss ich mich doch fragen, in was für einer vermeintlich aufgeklärten Internetwelt wir hier eigentlich manchmal diskutieren. Dem einen Schreiber kackt der andere Schreiber – Journalisten, Blogger, you name it! – im Netz regelmäßig auf den Tisch. Es geht um Besserwisser, die garantiert und ohne jeden Zweifel äußern können, was sie wollen. Zum Glück! Dafür liebe ich ja auch das Internet. Dafür liebe ich unsere Meinungsfreiheit. Ja, die Diskussionen bereichern mich ja auch. So weit so gut.[/lightgrey_box]

Aber muss ich mir das wirklich zu Herzen nehmen?

  • Wenn ein Online-Portal, das auf Facebook und Marketing spezialisiert ist, schreibt, dass die deutschen Journalisten Fehler in der Berichterstattung über Facebook machen, dann hat das doch gleich wie viel Glaubwürdigkeit? Genau. Muss ich mich also ärgern, weil der Chef-Stratege über das Beispiel aus meinem Artikel schreibt “Auch wenn dieser Fall rein theoretisch vielleicht möglich wäre, könnte man es nicht viel unreflektierter und schlechter beschreiben“?
  • Wenn Marcel Weiss, der davon lebt, über Internet-Geschäftsmodelle zu bloggen und bei der Konzeptionierung von Geschäftsmodellen mitzuwirken, darüber schreibt, dass “die Webfeindlichkeit der meisten deutschen Journalisten, worin auch immer sie begründet sein mag, das größte Hindernis für Deutschland als Wirtschaftsstandort als auch als Gesellschaft auf dem Weg in ein 21. Jahrhundert ist“, muss ich dann reagieren und in Tränen ausbrechen?
  • Muss ich mich grämen und an meinem journalistischen Urteilsvermögen zweifeln, wenn die Pressesprecherin von Facebook Deutschland sich zwar nicht selbst öffentlich zu Wort meldet und lieber in geschlossenen Gruppen kommuniziert, sowie nur einen ihr gefälligen Artikel der Computerwoche zitiert, der dann von zahlreichen Twitter-Vögeln (nicht despektierlich gemeint – wir sind doch alles Vögel) als ein Statement von ihr weitergeteilt wird?
  • Muss ich meinen Beruf wechseln, wenn ich aus heiterem Himmel von einer PR-Agentur per Mail mit falscher Ansprache darauf hingewiesen werde, dass sie in Deutschland Facebook vertreten würden und “Instagramm” ja bereits ein Blogpost geschrieben hätte, in dem sie auf die Bedenken der Nutzer eingehen, das ich natürlich unlängst im Artikel eingearbeitet hatte?
  • Muss ich mir Gedanken machen, ob ich einfach viel zu internetfeindlich bin, wenn ich nicht die Artikel goutiere, die Facebook-Mitarbeiter @heiko auf Twitter empfiehlt, weil mich zwar in der Regel seine Tweets prima unterhalten, mich dann in so einer Angelegenheit aber per se ein komisches Gefühl der Parteilichkeit beschleicht?

Nein? Ja? Das kann nun jeder selbst für sich entscheiden. Fakt ist. Wir müssen uns auch mal vor Augen führen, wie die Lobbyarbeit von Social Media Unternehmen funktioniert. Klar. Wir können uns auch die gleiche Frage stellen mit Blick auf Pharmaunternehmen. (Was auch passiert) Aber wir sollten uns doch bitte auch darüber im Klaren werden, dass wir im Netz ganz automatisch mit Weltbildern kollidieren:

  • Auf der einen Seite die User, denen die Journalisten in der Regel vermeintlich näher stehen.
  • Auf der anderen Seite die Social Media Firmen, denen die Special-Interest-Blogs, Marketing-Buden, Social-Media-Berater und alles, was sich sonst noch im Dunstkreis rekelt und ein Stück vom Kuchen abhaben will.
[dark_box]Es wird Zeit, dass wir uns etwas aufgeklärter aufeinander zu bewegen und alle genauer hinschauen! Es wird Zeit, dass wir Fehler zugeben. Es wird Zeit, dass wir transparent korrigieren. Lasst uns das doch besser heute als morgen mal versuchen. Aber lasst uns nicht immer die ganze Zeit ankacken. Das nervt.[/dark_box] [dark_box]Lesenswerter Artikel zum gleichen Thema von Martin Weigert bei netzwertig.com. Bei rechtzweinull äußert sich Rechtsanwalt Ulbricht zu den Änderungen der Nutzungsbedingungen. Auf der Seite docracy.com kann man sehr schön nachlesen, welche Passagen der TOS wie geändert wurden. [/dark_box]
Martin GieslerInstagram, das Web und meine Berichterstattung für heute.de

Comments 3

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  3. Giuseppe Paletta

    Meiner Meinung nach ist es essenziell, dass wir Journalisten uns gegenseitig ankacken. Wen wir uns nicht gegenseitig kontrollieren und kritisieren, wer soll es dann tun? Wir sind beileibe nicht unfehlbar. Im Gegenteil. Außerdem kommen die Zuschauer doch bei der Schnelligkeit der Nachrichten und Meinungen gar nicht mehr hinterher, bzw. deren Meinung kommt trotz Web 2.0 nicht wirklich bei dem Redakteur an. Einzige Bedingung: Die Kritik muss immer nur den journalistischen Output betreffen und nicht den Redakteur hinter der Nachricht persönlich.

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