Wir haben PRISM – nur was machen wir draus?

[white_box]Dieser Artikel ist in einer Variation auf heute.de erschienen[/white_box]

Wir leben in einer digitalen Gesellschaft. Wir alle sind das Internet. Kids instagrammen sich die Welt schön, Journalisten speichern Kontake in der Dropbox, Ärzte schießen Patientendaten in die Cloud. Wir liken, wir twittern, die Grenzen der privaten und beruflichen Nutzung des Internets sind grenzenlos – und damit präsentieren wir all unser Tun und Dasein, unsere Geheimnisse und Informationen im Netz, bequem und jederzeit verfügbar. Für uns und aber auch für alle anderen.

Wir selbst ermöglichen die perfekte Überwachung

Die Grundlagen für die perfekte Überwachungsstruktur haben wir somit selbst mitgestaltet. Da gibt es nichts dran zu deuteln. Sicherlich: Wir vertrauen den Diensten, die wir nutzen. Wir erwarten, dass unsere Daten nur in dem Umfang weitergegeben werden, wie wir es laut den AGBs, die wir nicht gelesen haben, den Unternehmen zugestanden haben. Nun können wir die Facebooks dieser Welt anklagen, wenngleich sie beteuern, nicht direkt mit der NSA zusammengearbeitet zu haben. Ein Treppenwitz der Geschichte.

Was aber sind die Konsequenzen, die wir aus PRISM ziehen? Wenn noch jemand einen Zweifel hatte, ob wir in einem Überwachungsstaat leben, der kann sie ad acta legen, schreibt Karsten Gerloff bei netzpolitik. Was aber tun? Sollen wir den Reflexen eines Thilo Weicherts Gehör schenken und keine amerikanischen Dienste mehr nutzen? Wer sagt denn, dass ein deutscher Dienst sicher sei? Niemand.

3,2,1 – jeder macht seins

Auf der einen Seiten könnten wir individuell unsere Konsequenzen ziehen und mit den Diensten Schluss machen, respektive uns wirklich ernsthaft überlegen, welchen Nutzen wir von ihnen haben. In meinem Fall bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Facebook z.B. von mir mehr Nutzen hat als ich von Facebook. Deshalb bin ich ausgestiegen. Mit Blick auf PRISM natürlich ein Witz. Google, Twitter, Apple – alles Firmen, von denen ich bis dato weiter Dienste nutze. Tausche ich sie gegen andere ein? Wer sagt, dass diese nicht auch überwacht werden? Ist ein Tor-Netzwerk wirklich imstande, Hack-Angriffen der Regierungen standzuhalten? Wie erkläre ich das Tor-Netzwerk meinem Vater? Genau.

[white_box]Wer sich überlegt, einen Dienst gegen einen besser abgesicherten auszutauschen, der kann sich prism-break.org anschauen.[/white_box]

PRISM ist überall

Auf der anderen Seite können wir uns als Kollektiv an die Regierungen und Unternehmen dieser Welt wenden und einen anderen Umgang fordern. Netzpolitik ist allerdings ganz viel Politik, wie Lobo jüngst mitteilte. So ist es. Politik ist nicht sexy. Und dass Hunderttausende auf die Straßen gehen für freies Internet und digitale Bürgerrechte? Wow. Das will ich sehen. Ich wäre dabei.

Einfach weitermachen

Unfassbare Auswüchse der Überwachung erleben wir immer wieder. PRISM stellt allerdings alles auf den Kopf, was wir bislang offiziell wussten. Und dennoch: Der User ist schnell geneigt zu sagen: Ich habe doch nichts zu vebergen. Ein (schlechtes) Totschlagargument mit fatalen Konsequenzen.

[dark_box]tl;dr: PRISM zeigt: Der Staat kann alles sehen, was wir online machen. Was also machen wir draus: andere Dienste nutzen, eine andere Gesellschaft fordern oder einfach weitermachen?[/dark_box]
Martin GieslerWir haben PRISM – nur was machen wir draus?

Comments 6

  1. Sven

    Es würde jetzt genau zwei Wege geben. Wir geben das Internet auf, damit diese totale Überwachung ein Ende hat, oder wie machen weiter, fordern aber von den Regierungen bessere Gesetze, die eine solche Überwachung verhindern. Um den zweiten Weg aber erfolgreich zu gehen, müssen die Menschen endlich merken, dass sie, im Namen der Terrorabwehr, sehr viele ihrer Freiheiten eingebüst haben und sie dem sogar zugestimmt haben, eben mit dem Argument, dass sie ja nichts zu verbergen hätten.

    Den Weg, alles selbst zu machen und sich von Fremddiensten fernzuhalten, halte ich nicht wirklich für Sinnvoll. Denn sind wir ehrlich. Will das NSA an deine Daten, dann kommt es dort auch ran, wenn du alles alleine hostest. Die Leute sind nicht blöd und so lange sie grünes Licht haben, solange machen die das auch.

    Habe Gestern auch was dazu geschrieben: http://meinungsschauspieler.de/es-liest-wohl-immer-wer-mit/ (Hoffe du bist mir nicht böse, wenn ich den Link hier lasse)

    1. tg

      Dennoch finde ich, dass es sich die Facebook Nutzer ziemlich leicht machen.

      Denn seien wir ehrlich, natürlich benötigt sogut wie jede Kommunikation einen Server der die Daten überträgt, aber dieser Server kann eben auch von gemeinnützigen Organisationen und Privatpersonen betrieben werden und nicht von riesigen Datenkraken. Und eine verschlüsselte Kommunikation macht es allen Außenstehenden mitunter sehr viel schwerer darauf zuzugreifen.

      Alles nur eine Frage des Willens und ich sehe diesen Willen leider nicht. Den Hauptgrund hierfür sehe ich schlicht in Bequemlichkeit und Gruppenzwang.

      1. Bequemlichkeit: Facebook z.b. punktet vor allem mit Zentralität, im Übrigen ein Widerspruch zur Idee der Konzeption des Internets. Alles aus einer Hand, Unmengen an Unternehmen, Organisationen und Leuten sind dort vertreten, FB könnte man auch Internet 3.0 nennen (eine sehr dystopische Vorstellung imho). Alles kann man bequem abonieren, liken, teilen, kommentieren usw. . Die Leute sind also zu faul wieder dezentral alles mit verschiedenen Diensten zu machen, geschweige denn alles wieder per Email zu kommunizieren.

      Alternativen zu allen Einzelaspekten gibt es, siehe oben auf prism-break.org. Als kleine Ergänzung (die eig. bekannt ist): Zum Abonnieren von Webinhalten kann man z.b. RSS-Feeds verwenden.

      2. Gruppenzwang: Ja alle nutzen es, und deshalb ist man als Nichtnutzer ausgeschlossen. Und “es ist doch kostenlos, also warum zum Teufel nutzt du es nicht?”. Dies könnte man als Multiplikatoreffekt sehen: Je mehr es nutzen um so mehr sind ebenfalls gezwungen es zu nutzen, sonst sind sie Außenseiter.

      Insgesamt frage ich mal ehrlich und provokativ, wie kann sich eine ganze Gesellschaft nur an einen kommerziellen Datenkraken-Monopol-Konzern verkaufen?

      Und dann wollen mir tatsächlich Leute erzählen, “das ist halt Fortschritt”. Nein es ist faktisch ein großer und gefährlicher Rückschritt. Wer hätte es vor zwanzig Jahren jemals für möglich gehalten, dass die Menschen weltweit freiwillig privateste Daten weitergeben und auf Bedenken beim Datenschutz und der Freiheit, nur mit einem Achselzucken reagieren und einfach weitermachen?

    2. cosmo

      Das Internet aufgeben halte ich doch für einen sehr drastischen Schritt. In Deutschland bemüht sich die Regierung ja darum herauszufinden was es genau mit Prism aufsich hat und welche Unternehmen wie darin verstrickt sind. (Quelle)

      Alle Internetnutzer (oder zumindest ein extrem großer teil) müssten sich zusammen tun und z.b. Facebook boykottieren, anstatt Google DuckDuckgo nutzen. Web.de statt Googlemail u.s.w. Ich denke dann könnte man diesen riesen Unternehmen klarmachen das diese ausgespähe so nicht tolerierbar ist. Nur leider sind die meisten Menschen die das Internetnutzen garnicht erst bestrebt dieses zu tun. Man hört dann auch ganz oft das Argument “Ich habe doch eh nix zu verbergen”. Dabei ist den meisten garnicht klar das es mit dieser Einstellung nur noch schlimmer werden kann und wir in 20 Jahren eine ähnliche Situation wie in einem Goerge Orwell Buch haben könnten. Eine Gesellschaft in der Regierungen und (was ich fast noch perverser finde) Unternehmen im Besitz all unserer Daten sind…..eigentlich ist das ja schon eingetroffen….

  2. Martin Giesler

    Danke für Deinen Kommentar. Das Internet aufgeben, ist natürlich keine Option! Und: Hier kann/darf jeder – fast alles – verlinken :)

  3. Sven

    Jeder Nutzer im Internet kann selbst entscheiden, welche Dienste er nutzt. Wenn jetzt alle von Facebook zu einen anderen Dienst wechseln, dann ist eben der andere Dienst eine Datenkrake, denn ab einer gewissen Größe müssen auch hier Kosten wieder eingespielt werden.

  4. Pingback: Ein terroristischer Anschlag auf das Netz | juna im netz

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