Sei nett zu deinem zukünftigen Ich

Martin blog

Gretchen Rubin, US-amerikanische Bloggerin und Buchautorin, schreibt seit Jahren darüber, was ein glückliches Leben ausmachen könnte. Eine ihrer Annahmen basiert darauf, dass das Glück im Leben durchaus mit der Anzahl von guten Angewohnheiten zusammenhängt. Um diese guten habits zu entwickeln, müssten die einen äußerste Disziplin aufbringen, andere hingegen würden dabei keinerlei Anstrengung empfinden.

Laut Rubin kann man nun solch gute Angewohnheiten, die einen dem Lebensglück näher bringen sollen, vor allem dann entwickeln, wenn man weiß, wie man auf interne Erwartungen reagiert. Sie hat dafür vier Typen skizziert: Den Upholder, den Obliger, den Questioner und den Rebellen.

Ich selbst würde natürlich vor allem einen Rebellen in mir sehen, habe aber nach Abschluss des Quizzes von Rubin feststellen müssen, dass wohl auch eine ganz gehörige Portion „Obliger“ in mir schlummert.

Bedeutet also: Ich kann ohne Probleme externen Erwartungen gerecht werden (Anforderungen im Job, etc…), habe aber meine Schwierigkeiten damit, internen Erwartungen Rechnung zu tragen.

Nun mag man einwenden, dass diese Art der Quizze garantiert wenig wissenschaftlich sind (wer bereits einmal Klickbringer via Playbuzz erstellt hat, weiß, wovon ich rede), aber das Ergebnis hat dann doch einen Nerv bei mir getroffen.

In der Tat verhält es sich so, dass ich ohne Schwierigkeiten, Deadlines im Job einhalte, noch drei Stunden extra aufwende, damit ein Projekt ein Erfolg wird, gleichermaßen aber liebend gern die selbstgesteckten Ziele, etwa viermal die Woche Laufen gehen, sehr viel weniger konsequent verfolge.

Glücklicherweise gibt es einen Trick, wie man als „Obliger“ ebenfalls gefühlt einem Dritten gerecht werden muss: Sag Hallo zu deinem zukünftigen Ich!

Die Idee ist simpel: Wer sich bei X nicht beherrschen oder zu Y nicht motivieren kann, sollte ab jetzt immer an sein zukünftiges Ich denken. Das wirkt wahre Wunder. Warum? Ganz einfach. Lass dich einmal kurz auf die folgenden drei Beispiel-Fragen ein:

Wie würde es wohl deinem zukünftigen Ich gefallen, wenn du jetzt die Chips in dich hinein steckst? Wäre dein zukünftiges Ich nicht viel glücklicher, wenn du jetzt noch schnell eine Runde Laufen gehst? Und was würde dein zukünftiges Ich wohl stattdessen sagen, wenn du heute wieder nicht zum Sport gehst?

Ich mag diese Art der Gedankenspielerei, weil sie ein und dasselbe Problem einfach nur anders framen – und dieses Framing kann auf so vielen Ebenen so wirkmächtig sein. Für mich als „Obliger“ jedenfalls kann es funktionieren, meine internen Ziele mit den Erwartungen meines zukünftigen Ichs abzugleichen. Mind blown.

Über den Autor

Martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Journalist und Blogger. Meine Beats: Social Media, Technologie und Gesellschaft. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich.

Facebook Pivoting: Welche existenziellen Herausforderungen Facebooks hinter dem Manifest von Mark Zuckerberg stecken | Newsletter 06/2017

Martin blog

In einem Artikel an die community hat Facebook-Chef Mark Zuckerberg wortreich dargelegt, wie er künftig Facebooks Aufgabe in der Welt sieht. Der Artikel fand zwar im Unterschied zu seinen sonstigen Postings auf Facebook deutlich weniger Beachtung von der community, wurde aber dafür von gefühlt so ziemlich jedem Medienunternehmen aufgegriffen und in die Welt getragen.

Die Reaktionen auf das Zuckerbergsche Manifest waren dabei überraschend positiv: als soziales Manifest wurde es gewertet, Zuckerberg würde endlich seine gesellschaftliche Verantwortung erkennen, liest man. Ja, sogar Ambitionen auf das Amt des US-Präsidenten werden dem 32-Jährigen nachgesagt, so politisch sei das Manifest. So philosophisch, sagen andere.

Natürlich stoßen sich auch einige an den geäußerten Vorstellungen Zuckerbergs – eine Gefahr für den Journalismus, sehen manche, über eine Gefahr für die freie Gesellschaft fabulieren andere.

Was allerdings bei all den Betrachtungen, die mir begegnet sind, viel zu kurz kommt, ist die Analyse dessen, was Zuckerberg neben den vermeintlich politischen, altruistischen, humanistischen oder auch düsteren Beweggründen dazu verleitet, Facebooks Zukunft neu auszuloten.

Es geht Mark Zuckerberg um nichts geringeres als Facebooks eigenes Überleben!

Im Folgenden möchte ich ausführlich begründen, wie ich zu der Annahme komme, und darstellen, warum Facebook seine Zukunft verspielen könnte, wenn es jetzt nicht anfängt, sein Geschäftsmodell grundlegend umzubauen.

Facebook wird, wenn es nicht entscheidende Änderungen am Produkt vornimmt, künftig nicht mehr die dominante Rolle spielen, wie es das allgemeine Narrativ vom unverzichtbaren Facebook täglich glauben macht oder die aktuell noch märchenhaften Geschäftszahlen vermuten lassen.

Das alte Facebook

Facebooks Erfolg basiert maßgeblich auf zwei Bausteinen:

Erstens haben sie es wie kein zweites Unternehmen auf der Welt geschafft, die bereits real existierenden Verbindungen zwischen Freunden und Familienmitgliedern in die Online-Welt zu transferieren. Facebook ist der Ort unseres digitalen Ichs.

Zweitens haben sie durch die Erfindung des **News Feeds** ein Internet im Internet gebaut: ein Ort, an dem der Nutzer mit allem bedient wird, was ihn interessiert, ohne dass er auch nur danach suchen müsste. Vielmehr signalisiert der Nutzer durch die Interaktionen mit den Inhalten, die ihn erreichen, was ihn interessiert und bekommt eben genau davon noch viel mehr geliefert. Ganz nebenbei wird der Nutzer dabei auch noch so detailreich digital vermessen, dass Facebook für Werbepartner Möglichkeiten eröffnet, die sie von keiner anderen Firma der Welt geboten bekommen. Targeting at its best.

Facebook hat es auf unnachahmliche Weise vollbracht, den Wunsch nach sozialer Verbundenheit, die Langeweile der Nutzer, die menschliche Gier nach Aufmerksamkeit, und den Reichweiten-Druck der Medienunternehmen durch das Instrument des News Feeds in eine wahre Gelddruckmaschine zu verwandeln.

Facebooks Herausforderungen

Doch die Sache hat einen gewaltigen Haken: Facebook sieht sich seit mindestens zwei Jahren mit zwei durchaus existenzbedrohenden Herausforderungen konfrontiert:

1. Nutzer posten selbst immer weniger und
2. Nutzer interagieren mit Posts von Dritten immer weniger.

Zwei prominente Untersuchungen und die vielfachen Veränderungen des News Feeds zeugen von diesen massiven Herausforderungen.

Nutzer teilen weniger Inhalte

Im Vergleich zum Vorjahr haben Facebook-Nutzer im Jahr 2016 rund 30 Prozent weniger eigene Inhalte geteilt – im Facebook-Sprech ist das sogenannte „original broadcast sharing“ also um fast ein Drittel innerhalb eines Jahres eingebrochen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von MVRCK.

Zu der Kategorie des sogenannten „original broadcast sharing“ gehören etwa Postings, die aufzeigen, dass man einen neuen Job hat, dass man einen fantastischen Urlaub hatte oder dass man bald heiratet. All diese Dinge finden auf Facebook den Beobachtungen zufolge sehr viel weniger statt als früher.

Und auch The Information hatte bereits im vergangenen Jahr darüber berichtet, dass das „original broadcast sharing“ von Mitte 2014 bis Mitte 2015 um fast 21 Prozent zurückgegangen war.

Nutzer interagieren weniger mit Inhalten

Zudem interagieren Leute sehr viel weniger mit den Postings von Dritten: 2016 waren es im Vergleich zum Vorjahr 16 Prozent weniger Interaktionen. Dabei ist die Anzahl von Likes um 8 Prozent pro Nutzer gesunken, bei den Shares sind es um die 28 Prozent und bei Kommentaren sogar fast 37 Prozent.

Die Gründe sind vielfältig

Das Ausbleiben der eigenen Postings und die geringeren Interaktionsraten haben verschiedene Gründe:

  • Die schiere Masse an Kontakten führt dazu, dass sich Facebook insgesamt weniger intim anfühlt – die Bereitschaft, etwas Privates zu posten, geht damit zurück.
  • Die Anzahl an institutionellen Anbietern und das Aufkommen von Werbung hat zur Folge, dass Facebook sich stets weiter davon entfernt, eine gemütliche Runde zu sein – vielmehr wähnt man sich in der Einkaufszone einer Metropole.
  • Leute nutzen sehr viel mehr Messenger, um mit Freunden zu kommunizieren, Gruppen für Geburtstage zu kreieren oder Fotos auszutauschen. Messenger suggerieren, mehr Privatsphäre zu bieten.
  • Leute nutzen zudem sehr stark Facebook-Gruppen, um sich zu einem bestimmten Thema, respektive in einer bestimmten Peer-Group auszutauschen. Die Gruppen können dabei geschlossen oder auch offen sein – der News Feed jedenfalls wird dadurch umgangen.

Facebook in Bedrängnis

Zwar gehören die populärsten Messenger (Messenger und WhatsApp) zum Facebook-Imperium, jedoch lässt sich mit ihnen aktuell noch nicht annähernd das erwirtschaften, was Facebook mit seinem guten alten News Feed verdient. Und auch die beliebten Gruppen auf Facebook lassen sich aktuell noch nicht monetarisieren, sind Gruppen doch ebenfalls ein News Feed freier Raum (bislang). The Information schreibt: Für Facebook ist der Rückgang beim „orignal broadcast sharing“ und bei den Interaktionen ein echter „long term threat“.

If people don’t feel the need to contribute their own content, there may be less-compelling posts for people to view over time. That could gradually erode usage of Facebook.The Information

Was Facebook dagegen unternimmt

Facebook hat die letzten Jahre natürlich mit aller Konsequenz versucht, diesen Trends entgegenzuwirken – und das zum Teil auch mit Erfolg. Zu den prominentesten Einfällen, wie Nutzer zu mehr eigenen Postings und zu mehr Interaktionen verleitet werden sollten, zählen folgende Produktneuerungen:

  • Die Einführung von Reactions, um eine größere Bandbreite an Reaktionen auf Postings zu ermöglichen
  • Die Veränderung der Update-Box, um Nutzern mehr Ideen an die Hand zu geben, was sie posten könnten
  • Prominente Änderung des News Feeds (Priorisierung von Videos, Priorisierung von Live-Videos, Priorisierung von Postings von Freunden und Familienmitgliedern, Einführung von Erinnerungen an bestimmte Ereignisse, uva…)
  • Die Einführung von Instagram Stories = eine perfekte Kopie von Snapchats Stories, die innerhalb kürzester Zeit 150 Millionen aktive Nutzer verbuchen konnte (was übrigens der Gesamtheit aller monatlichen Nutzer von Snapchat entspricht)
  • Die Einführung der Story-Funktion (probehalber) bei Facebook (Facebook Stories), bei WhatsApp (WhatsApp Status) und beim Messenger (Messenger Day).

Ob all diese Veränderungen von längerfristigem Erfolg gekrönt sein werden, bleibt mit Blick auf die Tendenzen der letzten zwei Jahre eine Wette, die Mark Zuckerberg wohl so nicht mehr eingehen möchte.

Broken News Feed

Wenn Leute auf Facebook vor allem Inhalte von Dritten teilen, in aller Regel von professionellen Anbietern wie Stars und Medienunternehmen,

  • dann wird Facebook immer weniger zu einem sozialen Netzwerk und mehr und mehr zu einer Verteilstation von Medieninhalten, also einem reinen Distributionskanal von professionellen Medieninhalten
  • dann wird Facebook mittelfristig womöglich immer weniger attraktiv für reguläre Nutzer, die eigentlich vor allem Updates von Freunden und Verwandten wollen und keine professionellen Medieninhalte.
  • dann wird der News Feed zunehmend weniger relevant für Werbetreibende und Medienunternehmen, die sich über Paid Posts gute Platzierungen erkaufen.
  • und damit wird der News Feed die längste Zeit die dominante Gelddruckmaschine für Facebook gewesen sein.

Für Facebook eine existentielle Bedrohung.

Das Digitale Wir als Lösung?

Also muss Facebook dem Nutzerverhalten Tribut zollen und sich neu erfinden. Das dominanteste Muster, das sie dem Artikel von Zuckerberg zufolge erkannt haben, ist das Nutzen von Gruppen und dem damit verbundenen Potential. Wenn sich also Facebook ein Stück weit davon löst, sich primär über den News Feed zu definieren, das Internet im Internet zu sein, sich aber zurecht nicht davon löst, die Infrastruktur für das digitale Ich von Milliarden Menschen zu sein, dann sind sie in der Tat dabei, einen entscheidenen Schritt in eine erfolgsversprechende Zukunft zu gehen.

Etwas genauer betrachtet könnte für Facebook der nächste Schritt darin bestehen, öffentliche, aber in sich abgeschlossene Räume zu schaffen, in denen sich Menschen mit allen nur erdenklichen Werkzeugen zu einem bestimmten Thema, einer bestimmten Idee, einem bestimmten Wunsch begegnen, austauschen und organisieren können.

Diese Gruppen könnten dann zu allen nur erdenklichen Dingen existieren. Dinge, die aktuell noch mehrheitlich in der analogen Welt bestehen, und eben noch nicht mit aller Konsequenz in ein digitales Ich überführt worden: Fußball-Vereine, Gewerkschaften, Schulklassen, Uni-Gruppen, Naturschützer, Parteien, soziale Bewegungen – halt so ziemlich alles, was Zuckerberg in seinem Artikel benennt: von supportive bis zu civically-engaged communities.

Erinnern wir uns: Wenn Facebooks Erfolg bislang darauf aufbaute, dass Menschen auf Facebook ihr digitales Ich haben, dann wäre es nur der nächste logische Schritt für Facebook, den noch nicht digitalisierten Beziehungen von Menschen nun ein digitales Wir zu verpassen.

Wie Facebook dann diese digitalisierten Beziehungsgeflechte in Form von Gruppen oder Pages zu Geld machen möchte, bleibt spannend. Klar ist jedenfalls, dass Facebook auf die Trends reagieren muss, die sich seit Jahren deutlich abzeichnen. Nur wenn sie es schaffen, sich von ihrem primären Geschäftsmodell „Digitalisiertes Ich trifft auf Internet im Internet“ ein Stück weit zu lösen, können sie meinem Verständnis nach nachhaltig bestehen bleiben.

Facebook Pivoting

Im Silicon Valley gibt es das schöne Wort Pivoting. Wenn ein Start-Up pivoted, dann baut es sein Geschäftsmodell radikal um, verabschiedet sich von einer ursprünglichen Idee. Vielleicht erleben wir gerade ein kleines Pivoting von Facebook. Die PR-Profis rund um Mark Zuckerberg aber sind natürlich gewieft genug, dieses Pivoting in einem maximal hellen Schein erstrahlen zu lassen, auf das er alle blenden möge.

Und bezüglich der Präsidentschaftskandidatur sei noch einmal Zuckerbergs Lieblingsspruch erwähnt, den er sich übrigens von Bill Gates ausgeliehen hat: Wir überschätzen permanent, was wir in zwei Jahren schaffen können, unterschätzen aber, was in zehn Jahren möglich ist.

Vielleicht würde in zehn Jahren niemand mehr auf die Idee kommen, dass es für Zuckerberg interessant sein könnte, US-Präsident zu werden. Nämlich dann, wenn Facebook weit über die Grenzen der USA hinaus so fest in persönliche und gesellschaftliche Strukturen integriert ist, dass es kein mächtigeres Amt geben könnte, als der Chef von Facebook zu sein.

-m-

Über den Autor

Martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Journalist und Blogger. Meine Beats: Social Media, Technologie und Gesellschaft. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich.

Die Analysen als Newsletter (immer Montags)

Immer Montags erscheint ein ausführlicher Artikel, der sich stets an der Schnittstelle von Social Media, Journalismus und Gesellschaft bewegt. Dieser Newsletter wird von über 1.000 Medienmacher gelesen. Wenn du magst, kannst du ihn direkt hier abonnieren:

Das Briefing des Social Media Watchblogs (Di – Do)

Dienstags, Mittwochs und Donnerstag erscheint das berühmte #Briefing des Social Media Watchblogs mit den wichtigsten News zu Social Media. Wenn du Teil von über 3.000 Abonnenten werden möchtest, kannst du das Briefing hier abonnieren:

Das Facebook Paradoxon | Newsletter 05/2017

Martin blog, newsletter

Zarte zehn Jahre ist es alt und bereits jetzt ist das Smartphone für die Mehrheit der Menschen in Deutschland das wichtigste Werkzeug, um ins Internet zu gehen. Vor allem Facebook dient bei der mobilen Nutzung des Internets als die zentrale Verteilstelle von Aufmerksamkeit. Für Milliarden Menschen ist Facebook deshalb de facto zum neuen Gatekeeper für Informationen und Unterhaltung geworden.

Wenn traditionelle Medienunternehmen auf mobilen Endgeräten ebenfalls eine Rolle spielen wollen, dann sind sie also mehr als gut beraten, ebenfalls auf Facebook aktiv zu sein. Der erste Haken: Allein Facebook bestimmt über die Spielregeln, welche Inhalte in welcher Form beim Nutzer ankommen. (In einem früheren Newsletter habe ich diesen Mechanismus ausführlich beschrieben: Mind the Crap). Dass sie für gute Sichtbarkeit auf Facebook durchaus kräftig in die Tasche greifen, zeigen diese Zahlen.

Das oberste Ziel von Facebook ist es dabei, den Nutzer so lange wie möglich auf der eigenen Plattform zu halten. Nur dort hat Facebook die Chance, den Nutzern Werbung anzuzeigen – für Facebook ein fantastisches Milliarden-Geschäft.

Damit die Nutzer die Plattform also nach Möglichkeit nicht verlassen, werden in Facebooks Internet – dem News Feed – vornehmlich die Inhalte angezeigt, die auf Facebook selbst erlebbar sind: Fotos, (Live-) Videos, Status-Updates. Links zu externen Websites sind möglich, aber eigentlich nicht wirklich in Facebooks Interesse.

Der zweite Haken: So ziemlich alles, was auf Social-Media-Plattformen aktuell an nativen Inhalten von traditionellen Medienunternehmen geteilt wird, ist jedoch ein Geschenk ans Publikum und an Facebook selbst. Kaum etwas von den Videos, Grafiken und Fotos, die durch unsere News Feeds rauschen, lässt sich auch nur annähernd gegenfinanzieren.

Wenn sich also die geteilten Inhalte nicht gegenfinanzieren lassen, warum machen traditionelle Medienunternehmen dann da mit? Nun, sie zocken, sie wetten, sie hoffen auf eine der beiden Konsequenzen, die aus ihrem Handeln resultieren:

A) Brand Awareness: Der Nutzer soll im besten Fall registrieren, wer der Absender des Inhalts ist und eine positive Einstellung zur Marke entwickeln. Das erinnert stark an klassische Fernsehwerbung. Nur ist der Absender dank Facebooks Design-Vorstellungen bei weitem nicht so deutlich zu erkennen wie das im TV der Fall ist. Den Satz „Das habe ich bei Facebook gesehen“ dürften wir alle bereits einmal gesagt haben.

B) Finanzielle Beteiligung: Sollte Facebook tatsächlich einmal damit beginnen, Inhalte-Anbieter an den Werbeeinnahmen aqäquat zu beteiligen (bislang ist das nicht der Fall), will man mit einer bereits gefestigten Position im Spiel vertreten sein. Dann erst einzusteigen und um Reichweite zu buhlen, könnte zu spät sein. Also wirft man sich jetzt schon in den Kampf um Aufmerksamkeit.

Ob aber (A) tatsächlich funktioniert, ist wahrlich schwer zu messen. Und ob (B) eintritt, liegt nach jetztigem Stand absolut nicht in der Hand der traditionellen Medienunternehmen – darüber entscheidet Facebook, allein. Oder etwa doch nicht?

Was wäre, wenn traditionelle Medienunternehmen versuchen würden gemeinschaftlich Druck auf Facebook auszuüben? Sie könnten sich etwa als Kollektiv von Facebook zurückziehen – zumindest solange bis sie in einem vernünftigen Rahmen von den Werbe-Milliarden profitieren. Ideen dieser Art kursieren bereits in deutschen Vorstandsetagen. Facebook – so die Sinn-stiftende These – sei ohne die professionell erstellten Inhalte für die Nutzer sehr viel weniger interessant.

Um das zu realisieren, müsste allerdings ein Ruck durch Medien-Deutschland gehen. Es müsste. Wird aber wohl nicht. Zu groß ist die Sorge, den Anschluss zu verpassen. Zu groß ist die Angst vor einem zweiten Leistungsschutzrecht-Debakel. Zu groß ist die Feindschaft und das Misstrauen untereinander.

Wie könnten also alternative Lösungsansätze aussehen, damit sich das Agieren auf Social Media für traditionelle Medienunternehmen auszahlt?

# Sie könnten versuchen, mehr direkte Verbindungen zum Publikum über Social Media aufzubauen. Dafür bedarf es aber weniger Crap und mehr Community-Engagement. (Siehe Mind The Crap)

# Sie könnten verlässliche Metriken kreiieren, die Gesamt-Reichweiten aufzeigen, um dadurch der Werbeindustrie zu beweisen, wie viele Menschen die traditionellen Medienangebote über ihre Einschaltquoten und Website-Klicks hinaus erreichen.

# Sie könnten mit Facebook in Gespräche einsteigen, um sich für Inhalte in Form von Lizenzen bezahlen zu lassen. Solche Modelle sind bereits bei Snapchat erprobt und könnten demnächst auch in ersten Gehversuchen bei Facebook zu finden sein.

# Sie könnten auf Facebook an einem speziellen Ort außerhalb des News Feeds stattfinden – so könnten sie wenigstens sicher gehen, dass ihre Inhalte und ihre Marke sehr viel klarer vom Nutzer wahrgenommen werden. Bei Snapchat gibt es auch diesen Ort bereits: Discover.

Wie es auch kommen mag: Fakt ist, das Facebook Paradoxon betrifft so ziemlich alle traditionellen Medienanbieter in Deutschland. Ohne Facebook geht es nicht. Aber „so“ vielleicht auch nicht mehr lange. Viel Zeit für Wetten bleibt nicht mehr.

-m-


Über den Autor

Martin

Hi, mein Name ist Martin Giesler. Ich bin Journalist und Blogger. Meine Beats: Social Media, Technologie und Gesellschaft. 2013 habe ich das Social Media Watchblog gegründet. Hier erfährst du mehr über mich.

Meine Analysen als Newsletter (immer Montags)

Immer Montags erscheint ein ausführlicher Artikel von mir, der sich stets an der Schnittstelle von Social Media, Journalismus und Gesellschaft bewegt. Dieser Newsletter wird von über 1.000 Medienmacher gelesen. Wenn du magst, kannst du ihn direkt hier abonnieren:

Das Briefing des Social Media Watchblogs (Di – Do)

Dienstags, Mittwochs und Donnerstag erscheint das berühmte #Briefing des Social Media Watchblogs mit den wichtigsten News zu Social Media. Wenn du Teil von über 3.000 Abonnenten werden möchtest, kannst du das Briefing hier abonnieren:

Support

Hi, meine Seite ist frei von Werbung und soll das auch bleiben. Falls dir aber ein Artikel besonders gefallen hat, du eine Analyse für deine Arbeit als hilfreich empfunden hast, dir einfach mein Newsletter total gut gefällt oder du gern unabhängigen Journalismus förderst, freue ich mich über eine Spende via Paypal:

Vielen Dank!

1 Euro spenden
3 Euro spenden
5 Euro spenden

Sehr großzügig!

7 Euro spenden
10 Euro spenden
25 Euro spenden

Völlig verrückt!

50 Euro spenden
100 Euro spenden
200 Euro spenden