7 Lehren aus der rechten Facebook-Echokammer

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Mein sehr geschätzter Kollege Simon Hurtz hat seit eineinhalb Jahren ein zweites Facebook-Profil: „Tim“ öffnete ihm die Tür zu einer Parallelwelt, die ihn zwischenzeitlich an seinen Überzeugungen zweifeln lässt.

Meine politischen Überzeugungen haben sich nicht geändert. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass es unsere humanitäre und moralische Pflicht als Globalisierungsgewinner ist, Geflüchtete aufzunehmen, und dass „wir das schaffen“. Mittlerweile verstehe ich aber besser, warum das viele anders sehen – und warum diese Menschen ihre Ablehnung so lautstark kundtun.

Denn sie tauchen nicht nur für wenige Stunden in eine fremde Filterblase ein, ihr Nachrichtenstrom sieht immer so aus. Wer Facebook als repräsentativen Ausschnitt der Realität betrachtet, bekommt fast zwangsläufig Angst vor dieser Welt, die angeblich von kriminellen Migranten, korrupten Politikern und lügenden Journalisten wimmelt. Diese Facebook-Welt ist eine Dystopie.

All das ist keine Entschuldigung für Fremdenfeindlichkeit. Facebook verwandelt tolerante Bürger nicht in Rassisten. Mir hat mein Experiment aber gezeigt, wie erschreckend einfach es ist, sich eine Echokammer zusammenzuklicken, in der Hass entsteht. Hier entwickeln Menschen ein „Wir da unten gegen die da oben“-Gefühl – und ich kann nachvollziehen, woher ihre Wut kommt.Simon Hurtz

Der Artikel ist Teil der SZ-Serie „Der Facebook-Faktor“. Darin untersucht die Süddeutsche mit Blick auf die Bundestagswahl, wie im sozialen Netzwerk Politik gemacht wird. Sehr, sehr spannend und sehr lesenswert.

Gesucht wird Kollege mit „Erfahrung in der industriellen Produktion von Inhalten“

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Die Funke Digital GmbH sucht einen Head of Content Social Media. Der Stellenausschreibung bei t3n ist zu entnehmen, dass der gesuchte Kollege im besten Fall „Erfahrungen in der industriellen Produktion von Inhalten“ mitbringt. Mit Blick auf die Vertrauenskrise des Journalismus sind solche Gesuche nicht gerade förderlich. Im Gegenteil: Wenn es die Idee ist, über eine Form der Fließbandproduktion mit maximal viel Content maximal viele Klicks herzustellen, dann darf sich niemand beschweren, wenn Journalismus nur noch als beliebig austauschbare Wegwerf-Ware verstanden wird…

Wie man das macht, was man liebt – ein Essay von Paul Graham

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Wie macht man das, was man liebt? Und wie findet man überhaupt heraus, was man gern machen möchte? Paul Graham, Gründer von Y Combinator (weltberühmte Schmiede für Startups) schreibt in einem wunderbaren Essay mit dem Titel „How To Do What You Love“ über die schwierige Suche nach der richtigen Arbeit – Arbeit, die eben nicht nur Geld einbringt, sondern zugleich erfüllend ist. Einige meiner Lieblingszitate aus dem Essay mit ein paar persönlichen Anmerkungen:

1) The rule about doing what you love assumes a certain length of time. It doesn’t mean, do what will make you happiest this second, but what will make you happiest over some longer period, like a week or a month.

Arbeit ist ein fortwährender Prozess. Folglich sollte man sich stets die Frage stellen, ob der Job, der einem spannend erscheint, auch wirklich trägt: Kann ich dieser Arbeit in den kommenden Jahren nachgehen? Ist es das, was mich glücklich macht? „We are what we repeatedly do“ heißt es an anderer Stelle – das stimmt sicherlich insbesondere auch bei der Arbeit.

2) What you should not do, I think, is worry about the opinion of anyone beyond your friends. You shouldn’t worry about prestige. Prestige is the opinion of the rest of the world. When you can ask the opinions of people whose judgement you respect, what does it add to consider the opinions of people you don’t even know?

Gerade in Zeiten von Social Media erscheint es mehr als verführerisch, sich daran zu orientieren, was von einer großen Anzahl an vermeintlichen Freunden und Bekannten goutiert wird. Follower und Fans sind allerdings häufig kein allzu wertvoller Gradmesser, wenn es darum geht, zu erfahren, was für einen selbst wirklich wichtig ist.

3) The test of whether people love what they do is whether they’d do it even if they weren’t paid for it—even if they had to work at another job to make a living. How many corporate lawyers would do their current work if they had to do it for free, in their spare time, and take day jobs as waiters to support themselves?

Wenn ich mich teste und mir anschaue, was ich seit Jahren unbezahlt mit großem zeitlichem Aufwand mache, dann lande ich natürlich beim Bloggen. Egal ob hier auf meinem eigenen Blog, drüben bei Medium, auf Twitter oder natürlich insbesondere beim von mir gegründeten Social Media Watchblog. Hunderte Stunden Webdesign, Recherche, Texten, Redigieren, Kommunikation, Feedback-Loops und mehr habe ich seit Jahren investiert.

4) It’s hard to find work you love; it must be, if so few do. So don’t underestimate this task. And don’t feel bad if you haven’t succeeded yet. In fact, if you admit to yourself that you’re discontented, you’re a step ahead of most people, who are still in denial.

Zwar scheinen viele Arbeitnehmer auf die eine oder andere Art frustriert zu sein, dennoch ziehen sie daraus mehrheitlich keine Konsequenzen. Den Job zu schmeissen, gilt immer noch als heroischer Akt. Vielmehr verharren sie dann häufig im Status Quo und tragen ihren Frust jeden Tag aus Neue mit ins Büro – ein Minusgeschäft nicht nur für sie, sondern zumeist auch für alle anderen Beteiligten. Don`t do it.

Mehr von Paul Graham zu diesem Thema gibt es in seinem Buch: Hackers & Painters.

PR trifft Journalismus | Next Generation: Alte Fehden oder neue Kooperation?

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Unter dem Titel „PR trifft Journalismus | Next Generation: Alte Fehden oder neue Kooperation?“ organisiert der Bundesverband Deutscher Pressesprecher, der Landesverband Berlin-Brandenburg und DJV Berlin sowie die meko factory eine Veranstaltungsreihe im taz-Café. Bei der zweiten Runde am 21.6.2017 um 19:00 Uhr werde ich als Panel-Teilnehmer mit anderen jungen Kollegen aus Journalismus und PR über die folgende These diskutieren:

PR gilt nicht nur als Quelle, sondern auch als Bedrohung des Journalismus – so die traditionelle Auffassung. Doch wie zeitgemäß ist die strikte Trennung beider Berufe noch, wenn PR immer journalistischer wird, weil immer mehr Journalisten heute PR machen (müssen)?

Meine These lautet:
„Für Journalisten ist es heutzutage nicht nur eine Frage der Ehre, sich klar von PR zu distanzieren, sondern eine Frage des Überlebens: Niemand braucht mehr Journalismus, wenn die Glaubwürdigkeit bereitwillig verspielt wird.“ Was das mit Social Media, mit dem Aufweichen der Grenzen zwischen redaktionellen und werblichen Inhalten und der allgemeinen Untergangsstimmung im Journalismus zu tun hat, möchte ich an dem Abend ausführlich darlegen.

Das Programm im Überblick:
19.00 Uhr Begrüßung: Bernd Lammel, Vorsitzender DJV Berlin e.V.
19.10 Uhr Impuls: Wo beginnt Befangenheit? Können Journalisten auch Public-
Relations-Aufträge annehmen? Dr. Carola Dorner; : Freischreiber e.V. , Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten; Vorsitzende
19.25 Uhr Panel: Anna-Lena Müller (Microsoft Deutschland), Nick Marten (OTTO), Darija Bräuninger (365 Sherpas), Yvonne Beister (Journalistin & Head of BILD Brand Studio), Marieke Reimann (stellv. Redaktionsleiterin ze.tt) und meine Wenigkeit.
20.30 Uhr Meet the speaker + Get-2gether

Treffen!
So wie es aussieht, sind die lieben PR-Kollegen an dem Abend deutlich in der Überzahl – umso mehr freue ich mich darauf, die Fahnen für unabhängigen Journalismus hochzuhalten! Die Veranstaltung ist übrigens kostenlos, ein Ticket kann man hier reservieren. Wäre toll, wenn ich einige meiner Follower oder Leser dort begrüßen dürfte!

What Are We Even Doing With Our Lives?

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„What Are We Even Doing With Our Lives“ ist ein wunderbares Stück Satire getarnt als Kinderbuch. Zwischen Wimmelbuch und HBOs Silicon Valley verortet, halten die Autoren Chelsea Marshall und Mary Dauterman der Generation Millenial, insbesondere der digitalen Boheme, den Spiegel vor. Die Autoren nennen ihr Werk „das ehrlichste Kinderbuch aller Zeiten“ – wohl zurecht:

Welcome to „Digi Valley,“ the epitome of twenty-first-century urban life! The animal-people who call it home do cool things: life coach, cat landlord, baby DJ teacher, app developer, iPhone photographer, new media consultant, beauty blogger, and, of course, freelancer. On the street, in the coffee shop, at the farmer’s market, or the local vegan café, you’ll meet new friends like Frances and Sadie, Freelance Frank, Realtor Rick, and Bethany the Beauty Blogger as they bike, drive, bus, hoverboard, and Uber their way around town—or just sit and enjoy a latte while doing important things on their devices.

Everybody in Digi Valley is very, very busy—texting, tweeting, video chatting, sending selfies, swiping for dates, and binging on their favorite shows. Whether you’re looking for a job at the latest media startup or want to publish your own web series, this urban mecca has something for everyone. And with the emotionally sensitive, tech-friendly Digi Valley Elementary School, it’s a great place to raise kids too!