Snapchat Journalismus [1]

Snapchat ist ein Phänomen: Wie ewig alte Geister schleichen Social-Media-affine Journalisten aus Deutschland um die App mit dem gelben Schreckgespenst herum. Seit der Markt-Einführung von Twitter ist es mir nicht mehr untergekommen, dass durchaus versierte Social-Interessierte anscheinend nicht so recht wissen, was sie mit dieser komischen neuen App machen sollen, warum es wichtig sein könnte – und noch viel schlimmer: „Warum es Kids nutzen“.

Fast wöchentlich lässt sich eine der renommierteren Web-Adressen im deutsch- und englischsprachigen Raum dazu hinreißen, diese so vermeintlich schwierig zu fassende App nun endlich auch einmal Erwachsenen-gerecht zu erklären.

Dabei ist Snapchat total intuitiv: Foto oder Video aufnehmen, sich damit kreativ austoben und wahlweise an einen Freund schicken oder in eine Story packen, die dann 24 Stunden lang abrufbar ist. Wie Snapchat funktioniert, will ich an dieser Stelle auch gar nicht lange erklären, das hat jüngst Philipp Steuer in seinem wirklich tollen Ebook #SnapMeIfYouCan großartig geleistet.

Mir geht es an dieser Stelle vielmehr darum, den Blick für die journalistischen Möglichkeiten zu schärfen, die sich durch Snapchat ergeben. Dafür möchte ich zunächst [1] vorstellen, wie andere Medienhäuser Snapchat nutzen und dann darauf eingehen, wie wir bei bento aktuell mit Snapchat umgehen.

Snapchat Discover-Channel

Discover-Channel

Wer einen der begehrten Plätze im Discover-Channel (ein Bereich innerhalb von Snapchat, in dem Medienmarken Inhalte anbieten können) erwischt hat, kann sich glücklich schätzen. Nicht nur, weil dann ein vermeintlich großes Publikum exklusiv bedient werden darf, sondern auch weil dann eine Art exklusiver Zugang zum Snapchat-Content-Management-System gegeben ist, der es erlaubt, Inhalte direkt für Snapchat zu produzieren und dort hochzuladen/einzustellen.

Das verschafft dem Anbieter in der Darstellung der Inhalte einen klaren Wettbewerbsvorteil vor Dritten, die keinen solch privilegierten Zugang zu Snapchat haben. Und das merkt man auch: Von BuzzFeed, über CNN, Vox und Mashable bis zu MTV werden überall zumindest schicke Teaser im Snapchat-Hochkant-Stil produziert und angeboten. Hochkant macht mit Blick auf die Konsumgewohnheiten, die über die App erlernt werden, übrigens einen riesigen Unterschied aus – niemand will sein Handy auf Snapchat drehen.

Beispiel vox.com

Die Anbieter, die wirklich etwas auf sich halten, produzieren nicht nur Teaser, sondern auch komplett Inhalte für Snapchat. Ganz vorne mit dabei ist vox.com. Melissa Bell hat jüngst erklärt (NiemanReports), was Vox-Nutzer bei Snapchat erwarten können:

When I read these Snapchat stories, I walk away with a deep understanding of the topic. I feel informed. What we’re seeing from our readers is that they also feel that way and that they’re excited about this. That, to me, is the key goal.Melissa Bell

Vox kreiert Infografiken, Video-Beiträge und Erklär-Listicles zu aktuellen Themen aus News und Popkultur. Einen kleinen Einblick gibt es hier:

Beispiel MTV

Auch MTV produziert originär für Snapchat Beiträge. Kein Wunder: Für MTV dürfte es eine Frage des Überlebens sein, auf Snapchat präsent zu sein, schaut man sich die Zielgruppe an. MTV macht aber seine Sache auch wirklich ziemlich gut: Ich würde sogar mein unqualifiziertes Urteil soweit überstrapazieren und sagen, MTV hat sich auf Snapchat neu erfunden. Mit Erfolg (digiday).

MTV hat bei Snapchat von Anfang an auf eine unfassbar Jugend-affine Bildsprache gesetzt, die teilweise so schräg und retro ist, dass sie fast einer Hommage ähnelt. Inhaltlich ist MTV natürlich am besten bei Popkultur aufgehoben.

Beispiel CNN

CNN ist ebenfalls auf Snapchat Discover mit originären Inhalten vertreten. Zwar nutzt CNN relativ viele Teaser für Artikel, die gefühlt nur in das Snapchat-CMS gegossen wurden. Immer häufiger aber haben sie auch speziell für Snapchat produzierte Inhalte. Interessanterweise hat CNN sogar ein eigenes Team, das nur für den Kanal auf Snapchat arbeitet. (CNN) Die Ressourcen muss man erst einmal freischaufeln wollen.

Auf Snapchat scheut sich CNN nicht davor, auch schwierige Themen zu lancieren. Egal ob aus Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft – CNN versucht die jeweiligen Inhalte der Plattform entsprechend aufzubereiten. Vieles mag für 10.000-Zeichen-Leser etwas ungewohnt daherkommen, keine Frage. Aber letztlich versucht CNN, Nachrichten auf Snapchat stattfinden zu lassen – ziemlich gut, wie ich finde.

Normale User

Während die Glücklichen im Discover-Channel ihre Fans mit Inhalten umgarnen dürfen und sich somit über einen besonderen Zugang zum Millionen-Markt der englischsprachigen Snapchat-Nutzer erfreuen können, bleiben andere vorerst (oder wieder) außen vor und müssen sich als normale User auf Snapchat austoben, um die Aufmerksamkeit der Nutzer zu erlangen.

Das gilt für internationale Größen wie The Verge oder Huffington Post genauso wie für die wenigen deutschen Medienmarken, die bislang den Sprung zu Snapchat gewagt haben. Mit Blick auf die deutschen Marken muss man aber natürlich erwähnen, dass es bislang keine Deutschland-Edition des Discover-Channels gibt. Somit wäre es also mehr als komisch, wenn etwa bento oder BILD neben CNN, MTV und Vox Media auftauchen würde.

Dabei hätten es die Kollegen der BILD mit Blick auf die Bemühungen, die sie aktuell in Snapchat investieren, durchaus verdient. Denn auch wenn ich kein Freund der Springer-Presse bin, habe ich großen Respekt vor der Experimentierfreudigkeit des Boulevard-Bulldozers, das in Person von Manuel Lorenz (twitter.com/supermnl) und Christian Mutter (twitter.com/christianmutter) dort wirklich tolle Arbeit leistet – bis auf den sexistischen Mist halt.

Beispiel BILD

BILD hat aktuell auf Snapchat noch kein festes Konzept und probiert jeden Tag aufs Neue Dinge aus: News, Promi-Klatsch, Blick hinter die Kulissen und sonstigen Quatsch, den man mit Snapchat halt so anstellen kann. Man merkt dem Account an, dass er von echten Personen geführt wird und nicht so wahnsinnig durch-instutionalisiert ist. Das macht Freude beim Zuschauen und wirkt durchaus authentisch. Vor allem: Christian hat halt wirklich ein Auge fürs Visuelle – siehe instagram.com/aufgetaucht.

Als erstes deutsches Nachrichten-Medium hat BILD sogar eine Sponsored Story mit Canon lanciert. Die Idee: Der User schickt Fotos an den Snapchat-Account von Bild und kann eine Kamera von Canon gewinnen, Canon zahlt dafür wohl BILD für die Reichweite und das PR-Echo. Alle freuen sich – und Medien-Deutschland ist durch eine Facette des Geld-Verdienens reicher.

Beispiel bento

Auch bei bento sind wir natürlich auf Snapchat aktiv. Ob wir das da gut machen, müssen andere beurteilen. Ich selbst kann nur beschreiben, was wir dort so ausprobieren…

  • Wir spielen Stories, die bei uns auf bento.de erscheinen, auf Snapchat, indem wir sie entweder als visuelle Geschichte, bzw. in Form eines Listicles innerhalb von Snapchat selbst produziert darstellen oder etwa auch als Video, indem wir es von einem anderen Smartphone oder vom Bildschirm abfilmen.
  • Wir bilden die News des Tages ab.
  • Wir nutzen einen Drittanbieter, der es uns erlaubt außerhalb von Snapchat angefertigte Bilder bei Snapchat hochzuladen.
  • Wir gehen zu Events und berichten live in Foto und Video.
  • Wir erzählen Stories aus der Redaktion – und versuchen so den Nutzer in unsere redaktionellen Abläufe mit einzubeziehen.
  • Wir experimentieren jeden Tag weiter und freuen uns über Feedback
bento auf Klassenfahrt

bento Story

bento auf der Fashionweek
bento fashionweek
bento News am Morgen
bento news am morgen

und warum wir das machen: Wir sind davon überzeugt, dass Snapchat 2016 auch in Deutschland endlich eine große Rolle spielen wird. Sicherlich darf man bei den Nutzerzahlen aktuell noch keine all zu hohen Erwartungen haben, aber das kann sich schnell ändern, wie die für mich dann doch überraschend hohe Zahl von neun Millionen Instagram-Nutzern in Deutschland zeigt, die jüngst kommuniziert wurde (Horizont).

Wer mag, der darf uns jedenfalls gern auf Snapchat adden: bento_de

bento snapchat

Abschließende Bemerkung

Interessanterweise sind die größten Snapchat-Marken in Deutschland einmal mehr die bereits bekannten YouTube-Stars wie Dagi Bee oder Simon Desue. Traditionelle Medienmarken gehören somit erneut nicht zu den schnellsten, wenn es um die Adaption neuer Kulturtechniken geht. Wohin das führt, kann aktuell nicht seriös beantwortet werden. Fakt ist aber, dass Legacy Media in Deutschland im Medien-Menü bei Jüngeren keine größere Rolle spielt. bento will das ändern.


Weiterführendes

  • Deutsche Journalisten auf Snapchat: Vocer
  • Verzeichnis von Snapchat-Usern (Warteliste): Snapgeist
  • Snapchat-Tricks: Mashable

Welche anderen Accounts von journalistischen Medienmarken aus Deutschland könnt ihr empfehlen?