Alle gegen alle

Martin

Immer weniger Menschen vertrauen der Arbeit von Journalisten.* Was das mit Facebook, Twitter und Medienkompetenz zu tun haben könnte.

Heute ist der 1. November und damit bento.de, das neue Projekt von SPIEGEL ONLINE, für das ich von Mainz nach Hamburg gewechselt bin, genau einen Monat online.

Die letzten vier Wochen waren so unfassbar spannend, produktiv und lehrreich. Wir haben so viele tolle Geschichten bereits an den Start gebracht, so viel Feedback erhalten und so viel Aufmerksamkeit auf uns lenken können — einfach super aufregend.

Der Start unseres neuen Angebots fällt allerdings in eine Zeit, in der immer mehr Menschen an der Arbeit von Journalisten zweifeln. Und auch mit mehr Transparenz und einem progressiven Dialogversuch, ist dieser Negativität gegenüber Journalismus nur schwer zu begegnen. Ich möchte im folgenden kurz meine Sicht zu dieser Thematik darstellen, ohne den Manfred Spitzer zu machen.


Durch die Innovationen, die Smartphone, Social-Media- und Blogging-Plattformen mit sich bringen, ist es jedem möglich, sich permanent zu allem zu Wort zu melden. Die Zeiten des eindimensionalen Senden und Empfangens sind vorbei. Wir befinden uns im Dauer-Dialog. Das ist großartig. Auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite ist die Ausübung dieses neuen Dauer-Dialogs kulturtechnisch betrachtet noch nicht wirklich eingeübt. Wir sind bei der Umsetzung unserer neuen Kommunikation von den Spielregeln anderer abhängig. Wenn Facebook und Twitter immer mehr zum Gatekeeper für Informationen werden, dann befinden sich Inhalte von professionellen Nachrichten-Anbietern im Wettkampf mit Inhalten von Freunden, Stars, Witzeseiten, usw.

Durch die von Facebook gesetzten Regeln werden emotionalere oder lustigere Inhalte dem User mit einer größeren Wahrscheinlichkeit in den News Feed gespült als nüchterne Analysen, denn hier sind in der Regel die Interaktionsraten niedriger. Dies führt dann dazu, dass professionelle Journalismus-Anbieter ein Stück weit dazu gedrängt werden, ebenfalls emotionaler auf Facebook Inhalte zu lancieren.

Diese Emotionalisierung von Themen könnte in der Wahrnehmung des Nutzers nun dazu führen, eine vermeintliche Trivialisierung von Nachrichten zu erleben. Diese Trivialisierung findet aber bei den großen Nachrichten-Angeboten wie Tagesschau, heute, SPIEGEL ONLINE oder Süddeutsche inhaltlich betrachtet gar nicht statt. Im Gegenteil: Es wird ganz großartiger Journalismus geleistet. Es ist vielmehr eine Frage der Verkaufe. Und über die Art und Weise, wie Inhalte auf Facebook dem User zugespielt werden, bzw. welche Inhalte beim User tatsächlich ankommen, entscheiden halt zu einem Großteil nicht die Anbieter, sondern die Plattformen.

Facebook und Twitter sind in diesem Spiel in meinen Augen die größten Gewinner aktuell: Sie werden immer mehr zu den Orten, an denen Informationen geteilt und konsumiert werden, setzen dabei naturgemäß die Spielregeln und sorgen zugleich dafür, dass traditionelle Medienmarken immer stärker in den Wettbewerb mit regulären Nutzern und ihren Meinungen gelangen.

Dabei produzieren “alte” Medienmarken immer fragmentiertere Inhalte, die in dem Moment, in dem sie auf Facebook konsumiert werden, nicht mehr das große Bild zeichnen, bzw. die komplette Bandbreite des Angebots darstellen. Zudem haben sie dabei ihre Schwierigkeiten, als Marke selbst nicht immer weiter an Bedeutung zu verlieren, weil eben ihre Inhalte in einem Umfeld stattfinden, das Facebook heißt und die eigene Marke dabei ein Stück weit in den Hintergrund verschwindet. Dass Facebook dabei auch immer mehr Werbegelder einsammelt und der Kuchen, von dem sich Redaktionen ernähren müssen, immer kleiner wird, sorgt natürlich nicht gerade für mehr Spielraum bei Redaktionen.


Einen Ausweg aus diesem Prozess zu finden, ist eine große Herausforderung für journalistische Anbieter. Es ist zugleich aber auch eine Herausforderung für die Gesellschaft insgesamt. Für mein Dafürverhalten bedarf es sehr viel größerer Anstrengungen, Technik zu erklären. Der digitale Graben zwischen denjenigen, die sich auf Diskussionsplattformen wie hier auf Medium oder drüben bei Twitter darüber Gedanken machen, wo die Reise hingeht und denjenigen, die sogar noch immer nicht verstanden haben, dass Facebook ihnen nicht alle Inhalte anzeigt, ist riesig.

Journalismus und Politik müssen dafür sorgen, dass mehr aufgeklärt wird, wie Meinungen entstehen, wo Informationen herkommen, wie Journalismus funktioniert, wie Wissen erlangt und verteilt wird, was die Spielregeln bei Plattformen wie Facebook sind, usw.

Medienkompetenz ist eins der zentralen Themen unserer ZeitIch möchte dafür plädieren, mehr Energie dafür aufzuwenden, Journalismus und seine Verbreitungsformen zu erklären. Auch wenn es anstrengend ist.


tl;dr.: Technische Innovationen sind wunderbar — wir müssen nur alle besser verstehen, sie zu nutzen.


(UPDATE: *Es handelt sich hierbei um eine Zuspitzung, die streng statistisch betrachtet in ihrer Allgemeingültigkeit so nicht unbedingt haltbar zu sein scheint. Dieser Artikel gibt weitere Hinweise zum Vertrauen in den Journalismus.)