Briefing für den 15.3.2018 | Ausgabe #439

Martin

Salut, ich wünsche einen angenehmen Donnerstag, bedanke mich bei allen für das Interesse an unserer Arbeit und freue mich wie immer sehr über Kritik, Anregung und generelles Feedback via Email oder in unserer Facebook-Gruppe. Merci, Martin & Team



WHATSAPP PAYMENT

Was ist: WhatsApp führt in Indien eine Bezahlfunktion ein – zunächst als Testballon, schon sehr bald aber wohl für alle Nutzer.

Warum ist das interessant?

  • Westliche Technologie-Konzerne wie Amazon, Google und Facebook unternehmen aktuell zahlreiche Versuche, um im Bankgeschäft mitzumischen.
  • Vor allem eine vereinfachte Form des Geldtransfers zwischen Freunden, respektive via App verbundenen Kontakten, steht dabei im Vordergrund.
  • In den USA, Frankreich und England etwa können sich Privatpersonen bereits via Facebook Messenger Geld schicken.
  • Das große Vorbild dabei lautet WeChat – das asiatische Social-Media-Powerhouse, das für so ziemlich alles in China genutzt (und überwacht) wird.

Was ist das Besondere bei WhatsApp Payment in Indien?

  • Im Jahr 2016 hat Indien über eine demonetization etwa 86 Prozent sämtlichen Bargelds in Papierform aus dem Umlauf genommen, um der Korruption Einhalt zu gewähren.
  • Ab diesem Zeitpunkt wurde mobile payment in Indien stetig populärer.
  • Zu den beliebtesten Diensten zählen Googles Tez, Alibabas Paytm und PhonePe.
  • Der Clou an diesen Diensten: sie bauen auf einer sogenannten UPI ID auf und können auch dafür verwendet werden, Geld an Nutzer zu schicken, die eine andere App verwenden – also eben nicht nur von Googles Tez zu Googles Tez.
  • WhatsApp aber versteckt diese Funktion beim Launch seines Produkts und zählt lieber darauf, dass seine Nutzerbasis von 200 Millionen Menschen in Indien sich direkt daran gewöhnt, mobiles Bezahlen mit WhatsApp gleichzusetzen – und nicht etwa als offene Schnittstelle zu begreifen.

Kritiker finden das nicht so witzig:

The millions who sign up have no idea what their UPI ID is. With that the idea of interoperability goes for a toss.

Das Muster: WhatsApps Vorgehen erinnert stark daran, wie sich Facebook mit Blick auf das offene Internet verhält: auf offenen Standards ein geschlossenes System aufbauen, das Millionen Menschen suggeriert, es gäbe ausserhalb des Walled Gardens von Facebook nicht viel zu erleben.




ABTEILUNG: DESINFORMATION

Was ist: Es tobt ein Kampf um Informationen. Soziale Netzwerke und Technologie-Unternehmen spielen dabei eine zentrale Rolle. Ein Überblick über die aktuellsten Entwicklungen:

Kritik an Facebook:

  • Facebook wird vorgeworfen, dass sie sich nicht ausreichend im Kampf gegen Desinformationskampagnen und hinsichtlich der Verbreitung von Falschinformationen unter Freunden und Bekannten engagieren.
  • Kern der Kritik: Facebook rückt die Daten nicht raus, die Dritte – etwa Wissenschaftler oder Journalisten – bräuchten, um zu verstehen und aufzuarbeiten, was auf der Plattform passiert.
  • Facebook aber betont, dass sie das aufgrund der Datenschutzbestimmungen nicht könnten.

Warum Facebooks Daten so interessant sind:

  • Bei der Wahl in Italien etwa wurde eine Falschmeldung zu Wahlfälschungen in Sizilien via Twitter ca. 1000 mal geteilt – gut nachvollziehbar, weil die absolute Mehrheit der Tweets öffentlich ist.
  • Die gleiche Story wurde hingegen auf Facebook allein auf öffentlichen Fanpages – und damit auch von Außen nachvollziehbar – über 18.000 mal geteilt.
  • Um aber wirklich verstehen zu können, wie weit sich die Nachricht verbreiten konnten, müsste ebenfalls nachvollzogen werden können, wie oft die Nachricht privat auf Facebook geteilt wurde.
  • Genau hier aber macht Facebook dicht. Aus Datenschutzgründen.

Facebook weicht Fragen aus

  • Auch ich hatte jüngst Fragen an Facebook hinsichtlich der Überprüfung von geschlossenen Facebook-Gruppen geschickt – schließlich darf vermutet werden, dass hier jenseits einer allgemeinen Öffentlichkeit Desinformations-Räume entstehen, die als Nährboden für rechte und linke Extreme fungieren. Meine Fragen lauteten:
  1. Gibt es Bestrebungen seitens Facebook, Facebook-Gruppen – gerade auch sogenannte closed groups – hinsichtlich der Einflussnahme durch politische Akteure zu überprüfen?
  2. Wie funktioniert diese Überprüfung?
  3. Wie viele Leute sind damit bei Facebook befasst?
  4. Wie können unabhängige Dritte, etwa Journalisten oder Wissenschaftler, in Facebook Gruppen – gerade auch in closed groups forschen?
  5. Welche Instrumente gibt es, um seitens Facebook und/oder durch Dritte Gruppen zu identifizieren, in denen womöglich politische Propaganda, wie wir sie im Zuge der Ermittlungen rund um die Internet Research Agency in den USA gesehen haben, verbreitet wird?
  6. Wie schätzt Facebook die Einflussnahme durch politische Akteure innerhalb von Facebook Gruppen – gerade auch innerhalb von closed groups ein?
  • Facebook hat mir folgende Antwort geschickt:
  • Secret groups provide an important space for people to discuss issues with members of a specific community that they might not want others in their friendship group to know about. We often hear from people that having a place on Facebook to share intimate and important details about issues specific to them is vital to their well-being. We’re making a lot of investments to keep people safe on our platform. As part of our broader investments in security, we now have over 14,000 people working around the world to investigate reported content, prevent harassment, stop fake accounts and otherwise protect people on Facebook.

    • Eine befriedigende Antwort sieht anders aus.

    Auch YouTubes Rolle bei der Verbreitung von Desinformationen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

    • Die sehr geschätzin Kollegin Zeynep Tufekci beschreibt die Rolle YouTubes in einem lesenswerten Aufsatz für die New York Times. Die Hauptthese: YouTube ist der verkannte Radikalisierer, der auf Kosten der Allgemeinheit versucht, maximale Gewinne zu erzielen.
    • Um dem Wahnsinn auf YouTube etwas entgegenzusetzen, postet YouTube übrigens fortan neben Videos, die Verschwörungstheorien verbreiten, Links zu Wikipedia-Artikeln, um Kontext zu liefern. Zu Wikipedia ¯\_(ツ)_/¯



    BOTS BEI INSTAGRAM

    Was ist: Auch bei Instagram wird via Bots getäuscht, gelogen und getrickst, dass sich die Balken biegen. Einige Firmen versuchen sich nun dagegen zu wehren.

    Warum ist das interessant? In der Welt der Social-Media-Influencer-Stars sind Follower und Likes die Zahlen, die die Welt bedeuten. Wer mehr hat, der kann mehr Geld verdienen. Folglich ist es nicht überraschend, dass an einigen Stellen mit Bots nachgeholfen wird.

    Wer stört sich daran? Die Plattformen selbst wehren sich vor allem gegen die Verbreitung von Falschinformationen – am Aufblähen von Likes und Followerzahlen stören sich mittlerweile vor allem Agenturen, die entsprechende Anzeigenpreise gegenüber Werbekunden rechtfertigen müssen. Schließlich möchte niemand einem Influencer Geld hinterherschmeißen, dessen Follower-Gemeinschaft womöglich zur Hälfte aus Bots besteht.

    Bigger picture: Die Social-Media-Plattformen haben mit Likes und anderen Metriken dieser Art künstliche Referenzsysteme erschaffen, die für ganze Industrien zum Maßstab bei der Bestimmung von Preisen geworden ist – und damit über Auf und Ab von Existenzen entscheiden können. Total absurd. Ich hatte darüber bereits 2015 einmal gebloggt.




    MEDIENKOMPETENZ

    So geht Medien – ein Projekt vom BR: Mit Blick auf die Desinformations-Flut, die uns gerade bschäftigt, wird immer wieder davon gesprochen, dass die Medienkompetenz der Nutzer gestärkt werden müsste. Der BR hat sich dieser Aufgabe in einem schönen Projekt angenommen – sehenswert.

    Zweifel an Wirksamkeit von Medienkompetenz: Die großartige Danah Boyd hingegen hat da so ihre Zweifel, ob eine größere Medienkompetenz wirklich weiterhelfen kann – hier ist der sehr lange, aber ungemein lesenswerte Text und hier das Video ihres Vortrags bei der SXSW zum Thema.




    VIDEO BOOM

    Live Sport bei Facebook & Twitter: Für reguläre Fernsehzuschauer gibt es heute nicht mehr all zu viele Gründe, zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt wirklich den Fernseher anzuschalten. Tagesschau, vielleicht. Tatort, garantiert. Aber ansonsten wird es auch schon rar mit wirklichen Lagerfeuermomenten. Einzig Live-Sport kann solche Gemeinschafts-stiftenden Momente noch bieten und ist entsprechend bei Werbern begehrt. In den USA haben sich nun Facebook und Twitter ins Rennen um den Erwerb von entsprechenden Lizenzen gestürzt – Facebook zeigt Baseball, Twitter zeigt Fußball. Dass es auch in Deutschland zu ähnlichen Deals kommen könnte, ist imho nur eine Frage der Zeit. Die finanziellen Mittel hätten die Plattformen allemal.




    PODCAST-TIPPS

    Eine Liste mit 111 Female-Hosted Podcasts: Wie bereits in einer der vorherigen Ausgaben angeklungen, möchte ich gern an dieser Stelle häufiger auf spannende Podcast-Projekte hinweisen. Heute ist mir durch den Newsletter eines meiner absoluten Lieblingspodcasts diese wunderbare Liste mit female hosted podcasts in die Hände gefallen. Super spannend.