Briefing für den 5.4.2018 | Ausgabe #443

Martin

Salut und Willkommen zur 443. Ausgabe des Social Media Watchblog Briefings! Ich freue mich sehr darüber, dass das ZDF jetzt neben Vice Deutschland und der Deutschen Welle ebenfalls als Enterprise-Abonnent mit dabei ist und begrüße ganz herzlich die vielen neuen (und alten) Kollegen vom ZDF!

Auch möchte ich an dieser Stelle kurz bekannt geben, dass ich jetzt fest bei brand eins mit an Bord bin und dort künftig über Social Media und Digitales schreiben werde. Eine unglaubliche Chance, die ich gern ergreife.

Meinen Newsletter wird es weiterhin wie gewohnt dreimal die Woche geben – unterstützt und ermöglicht durch 269 freiwillige Abonnenten und das Sponsoring durch Gruner + Jahr. Herzlichen Dank für das Interesse und die Unterstützung und auf zum Briefing!


Unter Druck

Was ist: Facebook steht weiter ordentlich unter Druck in Sachen Privatsphäre-Skandal.

Der Stand der Dinge

  • Mark Zuckerberg wird tatsächlich zum Fall Cambridge Analytica als Zeuge aussagen – und zwar am 11.4. im House Energy and Commerce Committee. Der ständige Ausschuss des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten ist neben der Energieversorgung und Handel auch für Verbraucherfragen und Telekommunikation zuständig.
  • In einem Interview bei Vox Media erklärt Mark Zuckerberg, dass es einige Jahre dauern könnte, bis die Probleme bei Facebook komplett behoben wären. (Nicht nur wegen dieser Aussage ein hörenswertes/lesenswertes Interview, sondern auch mit Blick auf das Zuckerbergsche Selbstbild.)
  • Facebook führt schon jetzt neue Nutzungsbedingungen und eine neue Datenrichtlinie ein. Es ginge dabei nicht um neue Regeln, sondern darum, die bereits bestehenden Regeln einfacher und verständlicher zu formulieren, wie Facebook in einem Blogpost schreibt.
  • Zudem gibt Facebook bekannt, wie sie künftig gegenüber Dritten den Zugang zu Facebook-Daten einschränken wollen. Die eigentliche Nachricht bei dieser Mitteilung kommt aber am Ende: so berichtet Facebook, dass womöglich bis zu 87 Millionen Nutzerkonten vom Cambridge Analytica Skandal betroffen sind. Ursprünglich war von 50 Millionen die Rede. Dazu heute von mir an dieser Stelle nur der Verweis auf die Mitteilung – morgen dann eine ausführlichere Einschätzung.
  • Auch muss sich Facebook erneut erklären: dieses Mal geht es um das Scannen von Nachrichten im Facebook Messenger. Ausgerechnet Zuckerberg selbst hatte im oben verlinkten Interview mit Vox Media Fragen zur Vorgehensweise ausgelöst – alles nur aus Sicherheitsgründen, heißt es nun von Facebook.
  • Zuckerberg steht innerhalb der Tech-Branche des Silicon Valley zunehmend isoliert dar.
  • Allen voran Apples Chef Tim Cook äußerte zum wiederholten Male sein Unbehagen mit Blick auf Facebooks Geschäftsmodell. Viele sehen darin aber vor allem PR.

Stichwort Regulierung: Auch die Politik zeigt sich kämpferischer als sonst, hatten sie die Tech-Konzerne doch jahrelang recht sanft angefasst: An vielen Ort auf der Welt wird nun eine strengere Regulierung diskutiert.

  • Großes Vorbild dafür ist die ab Mai greifende General Data Protection Regulation der EU.
  • Interessanterweise hat Zuckerberg bereits verlauten lassen, dass sie sich zwar in der EU entsprechend der neuen Verordnung in Sachen Datenschutz neu aufstellen werden, diese aber nicht weltweit Anwendung finden würden.
  • Die spannendsten, neuen Gedanken in Sachen Regulierung, die ich in den letzten Tagen gelesen habe, stammen von Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen, und Martin Kolmar, Professor für Volkswirtschaftslehre in St. Gallen. In der ZEIT schreiben sie:

Unternehmen wie Facebook sind ökonomisch motiviert, zugleich aber ein Paradebeispiel für quasi-politische Institutionen, weil sie das Gesellschaftliche und das Politische bedeutend formen, indem sie unseren Zugang zur Wirklichkeit steuern. Und gerade diese Kombination macht sie gefährlich.

  • Deshalb, so die Logik der beiden Professoren, müsse es zu einer Umkehrung der Beweislast kommen – etwa wie man es aus der Pharmabranche kennt. Erst wenn ein Technologie-Unternehmen beweist, dass die Auswirkungen auf die Gesellschaft eher positiv sind, dürfte eine neue Technologie eingeführt werden.
  • Aktuell ist es anders herum: Facebook denkt sich – ökonomisch motiviert – Technologien aus, deren Auswirkung auf Demokratie und Gesellschaft dann live erforscht werden.

Lese-Tipp: Wer die Diskussion der letzten Wochen noch einmal in einem Text zusammengefasst lesen möchte, der sollte diesen Artikel vom geschätzten Kollegen Dennis Horn lesen.


Suspendierung von Russlands Propaganda-Powerhouse IRA

Was ist: Facebook Inc hat 273 Facebook- bzw. Instagram-Accounts und Pages der Internet Research Agency (IRA) gelöscht.

Warum ist das interessant? Die IRA war laut Anklage von Sonderermittler Mueller maßgeblich an der Verbreitung von Desinformationen im Zuge der US-Wahl beteiligt.

Be smart: Mark Zuckerberg hatte im Interview mit CNN erklärt, dass es durchaus sein könnte, dass sie weitere Desinformationskampagnen aufdecken – die öffentlich kommunizierte Löschung der IRA-Accounts darf sicherlich als ein Bemühen um Aufklärung in dieser Sache verstanden werden.


„Fake News“ bei der Bundestagswahl

Was ist: Die Stiftung Neue Verantwortung hat in einer Studie herausgefunden, dass „Fake News“ bei der Bundestagswahl 2017 nur eine marginale Rolle gespielt haben.

Was wurde untersucht? Über einen Zeitraum von sechs Monaten bis zur Bundestagswahl am 24. September 2017 wurden zehn Fake-News-Fälle mit nationaler Reichweite beobachtet, ausgewählt und untersucht.

Was ist das Ergebnis der Studie?

  • Weder zeigte die empirische Untersuchung viele „Fake News“ aus Russland, die in der Öffentlichkeit signifikante Verbreitung fanden, noch zeigten sich bedeutende Vorgänge aus dem linkspopulistischen Raum.
  • Auch inhaltlich gab es kaum erfolgreiche Desinformation, die sich beispielsweise mit den beiden Spitzenkandidatinnen von SPD und CDU/CSU befassen.
  • „Fake News“, so wie sich das Phänomen in Deutschland empirisch darstellt, werden vor allem von Rechten, Rechtspopulistinnen und Rechtsextremen verbreitet.
  • Dabei bildet die AfD die Speerspitze der Verbreitung, in sieben von zehn von uns dokumentierten Fällen ist sie unter den Top-10 der reichweitenstärksten Verbreiter.
  • Das rechtspopulistische Netzwerk ist jedoch größer und besonders in den sozialen Netzwerken (allen voran: Facebook) aktiv. Hierzu zählen Medien, wie die Epoch Times, genauso wie rechte Blogs.

Be smart: Laut der Studie gehen allerdings nicht alle sogenannten „Fake News“ auf das Konto der sozialen Netzwerke. Auch redaktionelle, klassische Medien spiele eine Rolle. Zitat:

Mal als versehentlicher Katalysator, mal als bewusster Auslöser, zumeist allerdings als kritisches Korrektiv und Richtigsteller falscher Informationen, wie Süddeutsche.de oder der Faktenfinder der ARD. Andere Medien dagegen machen sich auffallend oft zum Verbreiter von „Fake News“, wie Bild.de oder Welt.de. Unsauberes Arbeiten betrifft in zwei Fällen auch die dpa, die Deutsche Presse-Agentur, die vor allem eine unrühmliche Rolle bei der Verbreitung der Fake News zum Volksfest in Schorndorf einnahm.

Speaking of „Fake News“: Facebook lässt Fact Checker jetzt auch Fotos und Videos überprüfen. Vormals wurden nur Link-Posts überprüft.


Neuerungen beim News Feed

Was ist: Facebook hat erneut beim News Feed nachgebessert.

Was sind die Neurungen?

  • Mehr Kontext: Künftig wird US-Nutzern mehr Informationen an die Hand gegeben, wenn sie einen Artikel im News Feed angezeigt bekommen. So zeigt Facebook erstens andere Artikel an, die von der gleichen Quelle (Read: Publisher) jüngst geteilt wurden. Zweitens zeigt Facebook, welche Freunde, respektive wie viele aus der Facebook Community den Artikel bereits geteilt haben. Drittens zeigt Facebook die offiziellen Infos aus der zur jeweiligen Quelle stammenden Wikipedia-Seite an. Viertens werden die Infos von der FB-Page der jeweiligen Quelle angezeigt. Darüber hinaus testet Facebook auch, mehr Infos zu bestimmten Autoren anzuzeigen. Ganz interessant: Der Design-Prozess, der diesen Änderungen zugrunde liegt.
  • Mehr local news: Facebook hatte bereits in einigen Städten damit experimentiert, jetzt wird das Feature in weiteren Städten ausgerollt – die Local News Section Today In bietet prominent im oberen Bereich des News Feeds einen gebündelten Überblick über das Wetter, die neuesten Updates, News, Events und Gruppen-Diskussionen aus einer bestimmten Stadt. Dadurch vermeidet Facebook, News komplett aus dem News Feed der Nutzer zu verbannen, präsentiert vielmehr kontrolliertan einem zentralen Ort Nachrichten, die dazu dienen sollen, Menschen in ihrer lokalen Gemeinschaft „näher zusammen zu bringen“. So zumindest die Idee.

Video Boom

Was ist: Facebook Watch sollte eigentlich als eigenständiger Ort innerhalb von Facebook etabliert werden. Es zeigt sich aber, dass Nutzer weiterhin Watch-Inhalte über den News Feed entdecken und konsumieren.

Warum ist das interessant? Facebook Watch bietet eigentlich die Möglichkeit, sehr viel längere Inhalte bei Facebook zu lancieren – etwa ganze Shows. Um allerdings im News Feed zu funktionieren, braucht es eher kürzere Inhalte. Für Publisher also eine Gratwanderung.

Be smart: Wer sich mit Facebook Watch beschäftigt, darf dann davon ausgehen, dass Facebook in den kommenden Wochen und Monaten den News Feed weiter dahingehend optimieren wird, Nutzer zu Watch-Inhalten zu routen. Dass Nutzer von sich aus zu Watch gehen, scheint auch weiterhin eher nicht zu funktionieren.


Tools, Apps und Websites

  • Snapchat bietet jetzt die Möglichkeit, Gruppen-Video-Anrufe durchzuführen. Bis zu 16 Leute können fortan gleichzeitig via Snapchat quatschen. Auch können Nutzer sich nun gegenseitig in Stories taggen.
  • Instagram kappt Entwicklern die Leitung – also genauer gesagt gibt es bei Insta neue API Limits. Der Grund hierfür liegt ebenfalls im Cambridge Analytica Skandal.
  • Facebook bietet Nutzer jetzt die Möglichkeit, auf einen Schlag ganz vielen Dritt-Anbietern den Zugriff aufs Profil zu entziehen. Bislang musste das one by one passieren.

One More Thing

Was ist: Memes begegnen einem ja mittlerweile überall – damit du künftig auch weist, welchen Hintergrund, bzw. welche Bedeutung welches Meme hat, hat Wired einen wunderbaren Meme Guide verfasst. Haz Fun!