Briefing für den 7.2.2018 | Ausgabe #427

Martin

Einen schönen guten Morgen, werte Leserin! Schön, dass du da bist! Ich wünsche einen angenehmen Dienstag, Martin


WILLKOMMEN IN BROTOPIA

Was ist: Die Journalistin Emily Chang hat ein Buch über Sexismus im Silicon Valley geschrieben.

Was steht drin? Chang zeigt auf, warum die Tech-Industrie so von Männern dominiert wird – und wie sich Frauen dagegen wehren. Als Host der TV-Show Bloomberg Technology hatte sie einen Sitz in der ersten Reihe, um mit erleben zu können, wie Frauen im Valley erst leise über Sexismus zu reden begangen und sich mittlerweile lautstark zu Wort melden.

Warum sorgt das Buch für Aufsehen?

  • Einerseits trifft Chang mit der Veröffentlichung des Buches den Nerv der Zeit. Sexismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das auch in der elitären Welt der Tech-Konzerne keine Ausnahme darstellt, wie viele Enthüllungen zeigen – allen voran natürlich jene von Susan Fowler, die mit ihrem Blogpost Ubers Chef Travis Kalanick wohl mit zu Fall brachte.
  • Aber es sind auch die Beschreibungen der im Silicon Valley praktizierten Sex-Parties, wie sie etwa vom namhaften Risikokapitalgeber Steve Jurvetson mit organisiert werden, die gerade in Amerika für Aufregung sorgen.

Leckerbissen: Programmierer würden etwa danach ausgewählt, wie „anti-sozial“ sie wären – schließlich wäre es von Vorteil, wenn sie nicht Personen, sondern Dinge liebten. Äh, ja.

Bigger picture: Wir erleben aktuell eine große Welle der Kritik an den Tech-Konzernen. Vieles davon lässt sich darauf zurückführen, wie die Social-Media-Plattformen gebaut sind, welchen Logiken sie folgen. Chang stellt mit ihrem Buch implizit auch die Frage, ob wir aktuell die gleichen Diskussionen hätten, wenn mehr Frauen bei den Tech-Konzernen angestellt wären. Aber auch das ist auf seine Art natürlich sexistisch. Don`t?


KEINE POSTS OHNE BEZAHLUNG

Was ist: Was wäre, wenn wir die Daten, die wir beim Surfen und bei der Nutzung von Social Media hinterlassen, nicht nur als Nebenprodukt betrachten, sondern als das Ergebnis von Arbeit? Eine Studie zeigt auf, wie dieses Konzept funktionieren könnte und welche Konsequenzen das hätte.

Bitte was ist los?

  • Tagtäglich hinterlassen Milliarden Nutzer Datenspuren, wenn sie auf Facebook liken, auf Instagram Fotos teilen, auf Google suchen, etc.
  • Damit generieren „wir“ Unmengen an Datensets, die vor allem dafür genutzt werden, um „uns“ via Machine Learning bessere Werbung anzuzeigen.
  • Der Witz daran ist, dass „wir“ somit allesamt umsonst für Facebook & Co arbeiten.
  • Mehr noch: Facebook verkauft uns sogar noch die Illusion, sie würden uns kostenlos ermöglichen, soziale Kontakte zu pflegen, etc. – ein Marketing-Coup sondergleichen.

Die Idee: Internet-Pionier und Microsoft finanzierter Forscher Jaron Lanier hat nun mit Kollegen eine Studie verfasst, die der Frage nachgeht, wie es wäre, wenn wir für jeden Post, für jede Suchanfrage, etc. künftig eine Micro-Bezahlung erhalten würden.

Be smart: Noch ist dieses Konzept natürlich nicht umsetzbar, aber die Idee, dass wir letztlich allesamt wie digitale Legehennen kostbare Datenberge generieren, mit denen einige wenige Unternehmen unfassbaren Reichtum generieren, an dem wir aber letztlich gar nicht beteiligt werden, könnte im Rahmen des derzeitigen Tech-Backlash-Diskurses an Fahrt aufnehmen. Letztlich hatte Lanier dieses Konzept schon vor einigen Jahren in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft“ eingeführt.

Auf die Barrikaden! Würden wir alle aufhören, die Services zu nutzen, quasi in einen Streik treten, kriegen wir das Konzept doch locker auf die Bahn! Ab jetzt lautet das Motto: Keine Posts ohne Bezahlung!


CHINAS CITIZEN SCORE

Was ist: China ist dabei, einen sogenannten „Citizen Score“ zu etablieren. Unterstützt wird die Staatsführung dabei von den in China dominanten Tech-Unternehmen – allen voran Tencent und Alibaba.

Was ist die Idee hinter dem „Citizen Score“? Die chinesische Führung verspricht sich vom „Citizen Score“, ein dem Staatsapparat genehmes, erwünschtes Verhalten herbeizuführen. Dieses soll vor allem dadurch erreicht werden, dass Nutzer mit einem entsprechend hohen Score Vorteile bekommen wie etwa Zugang zu schnellerem Internet oder die Chance auf Visa.

Wie wird der Score ermittelt? Der Score berechnet sich anhand von hunderten von Datenspuren, die Nutzer im Alltag hinterlassen. Wer sich sozial genehm verhält, bekommt Pluspunkte, Abzüge gibt es, wenn Nutzer sich etwa abfällig über die Staatsführung äußern oder sich allgemein politisch nicht korrekt verhalten. Auch wer sich mit Personen umgibt, die sich entsprechend negativ verhalten, kann Punkte beim Score einbüßen.

Welche Rolle spielen die Tech-Konzerne dabei?

  • Tencent (Firma hinter WeChat) und Alibaba (Chinas Amazon) sammeln, wie bereits mehrfach hier im Briefing beschrieben, Unmengen an Daten und Wissen über ihre Nutzer.
  • Dieses Wissen müsste die chinesische Regierung anzapfen, um einen entsprechenden Score ermitteln zu können.
  • Es überrascht daher nicht, dass die genannten Firmen einem Bericht zufolge dazu verpflichtet sind, bei der Ausspionierung der Nutzer dem Staat behilflich zu sein.
  • Der Witz: Alibaba (Chinas Amazon) brüstet sich z.B. damit, neben der Ermittlung der Kreditwürdigkeit auch ein „holistic rating of character“ abbilden zu können. Viele Hunderttausend Nutzer teilen ihren „Alibaba-Score“ freiwillig.

Be smart: Ein solcher „Citizen Score“ scheint wie eine ganz miese, wahr gewordende Episode Black Mirror. Aber machen wir uns keine Illusionen. Auch in anderen autokratischen Ländern wird man dieses chinesische Sozial-Experiment ganz genau beobachten und entsprechende Schlüsse draus ziehen. Ob dann vielleicht auch westliche Tech-Konzerne ähnliche Kooperationen mit Staaten eingehen, etwa um im Markt weiter aktiv sein zu können, könnte so einige Verantwortliche auf die Probe stellen.


KIDS IM INTERNET

Was ist: Einem Artikel von Axios zufolge gehen heute mehr Kids im Alter von 0-11, bzw. von 12-17 ins Internet als jemals zuvor. Vor allem Video boomt bei Kids ohne Ende.

Was sagen die Zahlen?

  • Interessanterweise beginnt der echte Boom mit der Einführung des iPads im Jahr 2010.
  • Heute haben laut Common Sense Media 40 Prozent der Kids in den USA zwischen 0-8 Jahren ein Tablet (zur Verfügung).
  • 71.6 Prozent der 12-17-jährigen nutzen Social Media, 57,3 Prozent davon Facebook.
  • 93,4 Prozent nutzen Digital Video
  • Bei den ganz jungen Kids nutzen knapp 11 Prozent Social Media, 49,5 Prozent sind mit digital Video vertraut.

Der größere Zusammenhang: Die Zahlen sollten natürlich gerade im Bereich Digital Video nicht wirklich überraschen. Was sollen sie denn sonst gucken? Fernsehen? Ist doch Quatsch. Die heutige Nutzung sieht doch so aus, dass Kinder via Amazon Prime, Apple TV oder YouTube viele Minuten am Tag etwa Bibi und Tina bingen und damit natürlich Digital Video zum Alltag gehört. Dass allerdings ein Großteil dieser Applikationen auch dafür konzipiert ist, Nutzer dazu zu verleiten, maximal viel Zeit mit ihnen zu verbringen, ist natürlich auch Anlass zur Sorge, wie etwa das Humane Center for Technology in seiner Kampagne unterstreicht.