Der Beginn einer neuen Ära von Journalismus auf Facebook

Martin

Wie viele lesen genau jetzt diesen Artikel, weil sie entweder über Facebook oder Twitter hier gelandet sind? Vermutlich nahezu jeder. Und genau das verändert den Journalismus.

Facebook ist für viele Online-Publikationen zum ultimativen Traffic-Bringergeworden. Vom kleinen Blogger bis zum großen Medien-Powerhouse. Die Homepage ist tot, heißt es. Und Facebook scheint der Totengräber zu sein. Wenn es um mobilen Traffic geht, dann ist Facebook quasi der Vermittler Nummer Eins — wer googelt schon auf seinem Smartphone?

Facebook ist wie ein riesiger Hund. Du weißt nie genau, ob er einfach nur spielen oder Dich fressen will — am Ende leckt er Dich womöglich tot.

Und je mehr Facebook Journalismus verteilt, desto größer wird die Abhängigkeit der Content-Lieferanten. SEO-Optimierung war gestern, Social-Media-Optimierung ist heute und schon bald könnte das durch verschiedenste Tracking-Software ermöglichte speziell auf die Bedürfnisse der Facebook-User zugeschnittene Erstellen von Inhalten eine ganz neue Dimension erreichen:

Journalismus könnte bald vollumfänglich auf Facebook selbst stattfinden.

Denn: Warum sollte Facebook nur Journalismus verteilen und nicht selbst anbieten? Drei Gründe sprechen dafür, dass wir es bald mit einer neuen Ära des Journalismus auf Facebook zu tun bekommen könnten.

Erstens

Im New-York-Times-Artikel von Carr heißt es, dass Facebook bereits bei Publishern vorfühlen würde, wie es um die Chancen bestellt ist, dass Facebook ganze Pages von Inhalte-Lieferanten selbst hostet. Der Hintergrund: Facebook braucht Qualitäts-Inhalte wie News, um den Usern einen best-möglichen Service zu bieten — je relevanter der Dienst für den User, umso mehr Zeit verbringt der User auf Facebook, um so mehr kann der User mit Werbung bespielt werden.


Laut Carr hat Facebook allerdings ein Problem damit, dass die User den Qualitäts-Inhalten folgen, um auf Dritt-Plattformen die ganze News zu konsumieren. Schlecht programmierte Webseiten, lange Ladezeiten und nicht für mobil optimierte Artikel sorgen für Unbehagen bei Facebook. Daher das Angebot an die Verlage, Journalismus in vollem Umfang selbst auf Facebook stattfinden zu lassen. Schön designt, gut zu konsumieren und ohne jemals den walled garden zu verlassen. Die Anzeigenerlöse würde Facebook dann mit den Inhalte-Lieferanten teilen, so die Idee.

Zweitens

Bei der Vorstellung der Quartalszahlen hat Mark Zuckerberg einen Fahrplanaufgezeigt, wohin die Reise für Facebook in den nächsten fünf bis zehn Jahren gehen könnte. Dabei hat Zuckerberg keinen Zweifel daran gelassen, dass News für Facebook eine entscheidende Rolle spielen wird. Zuckerberg wörtlich:

News is a very big priority, because a lot of people want to share that on Facebook already, and enabling public figures, whether they are celebrities or athletes or actors or politicians or leaders in different kind of communities, to get on Facebook and use the platform to distribute the content that they want.

Schon heute scheint es so, dass etwa originär bei Facebook hochgeladene Videos besser performen als ein eingebettetes YouTube-Video und erst recht besser als ein Link auf ein externes Video. Es scheint so — es ist schwierig zu belegen. Aber letztlich hat Facebook die Macht darüber zu entscheiden, welche Inhalte wie gut beim User ankommen. Unter diesen Umständen ist es leicht, sich auszumalen, welche Wahl-Möglichkeiten es für Inhalte-Anbieter geben könnte, Inhalte direkt bei Facebook stattfinden zu lassen oder nicht.

Drittens

Der sehr geschätzte Blogger-Veteran und RSS-Miterfinder Dave Winer arbeitet aktuell an einem neuen Blogging-Tool, das es ermöglicht, einen Artikel oder ein Foto gleichzeitig im Blog und auf Facebook zu veröffentlichen. Der Clou: Der gebloggte Text kann dann auch in diesem einen Content-Management-System editiert werden und erscheint in redigierter Fassung sowohl im Blog als auch Facebook. Es handelt sich dabei aber nicht etwa um ein Kapern der API, sondern um eine zwar unbezahlte, aber dennoch geförderte Kooperationvon Facebook.


Und der von Winer sogenannte Little Facebook Editor ist auch nur der Anfang einer ganzen Reihe von Tools und Ideen, mit denen Winer derzeit experimentiert. Auf die Frage, ob alle diese Tools zusammengebracht werden sollen, schreibt mir Winer auf Twitter:

Es darf also angenommen werden, dass Winer an einem Tool arbeitet, mit dem es dezidiert möglich sein soll, Facebook als Publishing-Plattform zu nutzen. Nicht nur für kurze Gedanken oder einmal längere Notizen, sondern für voll editierbare Artikel und Blogposts.

Vorbild für originären Content auf Facebook: BuzzFeed Video

Aktuell ist es vielleicht noch nicht vorstellbar, wie Journalismus auf Facebook unabhängig von den bereits existierenden Fanpages aussehen soll. Aber wenn man sich BuzzFeed-Video anschaut, dann kann man eine Idee bekommen, wo die Reise hingeht. BuzzFeed-Video ist in den letzten Monaten spektakulär gewachsen, sorgt für extrem hohe Interaktionsraten und ist ein Parade-Beispiel dafür, wie Medienunternehmen mit originären Inhalten auf Facebook punkten.

Während Video-Inhalte noch im gewohnten Umfeld des News Feeds integrierbar sind, ist es mit ausführlichen Texten und Reportagen schon etwas schwieriger. Aber auch da ist es sicherlich denkbar, dass Facebook die Teaser regulär im News Feed weiter einlaufen lässt und dann auf anderen Seiten innerhalb des Facebook-Universums verlinkt. Ich bemühe an dieser Stelle nicht meine rudimentären Photoshop-Kenntnisse, kann mir aber mit Blick auf populäre neue Journalismus-Anbieter wie Vox, Medium und Mashable sehr gut vorstellen, wie Journalismus in vollem Umfang auf Facebook dargestellt werden könnte.

Zusammengefasst

  • Wenn David Carr zu Ohren kommt, dass Facebook bereits bei großen Publishern vorfühlt, wie es darum bestellt ist, Inhalte direkt auf Facebook stattfinden zu lassen, dann sollten alle, die noch nicht von Facebook angesprochen wurden, zumindest hellhörig werden.
  • Wenn Mark Zuckerberg bei der Strategie-Verkündung von “big priorities” spricht, dann kann das überhaupt nicht ernst genug eingeschätzt werden.
  • Wenn einer der bekanntesten Blogger der Welt an einem Tool bastelt, mit dem ganze Artikel auf Facebook gebloggt werden können, dann ist das ein deutliches Signal in welche Richtung sich Journalismus/Blogging und Facebook bewegt.
  • Wenn Facebook tatsächlich beginnt, mit einzelnen Publishern Vereinbarungen zu treffen, wie Journalismus auf Facebook stattfinden kann, dann birgt das viele Chancen, aber auch Gefahren und neue Formen von Abhängigkeiten. Facebook könnte für Journalismus das werden, was Amazon für Bücher ist.
  • Wenn erst einmal einige Publisher ihre Inhalte direkt auf Facebook anbieten, werden andere mitziehen müssen, wenn sie relevant bleiben wollen. Und mit Blick auf den aktuellen Medienwandel bietet das viele Chancen für neue, junge, bewegliche, technikgetriebene Journalismus-Unternehmen. Aber, um in der Analogie von Carr zu bleiben, den letzten beißen die Hunde. Oder eben der eine Hund.

tl;dr: Journalismus könnte bald vollumfänglich auf Facebook selbst stattfinden. Es sieht ganz so aus, als stünden wir am Anfang einer neuen Ära von Journalismus auf Facebook.