Facebooks News Feed Umbau, erklärt

Martin

Hi! Dieser Artikel ist vor allem für all jene gedacht, die sich aus beruflichen Gründen mit dem Umbau von Facebooks News Feed beschäftigen (müssen). In meiner Analyse möchte ich die grundlegenden Prinzipien hinter Facebook News Feed erklären. Außerdem möchte ich die Gründe für den Umbau analysieren, Risiken und Chancen für Publisher und die Gesellschaft aufzeigen und einen Blick auf Facebooks Zukunft wagen.


Das Prinzip „News Feed“

The Basics

Die ursprüngliche Idee des News Feeds war es, sämtliche Aktivitäten von Freunden an einem Ort zu bündeln. Bis dato hatten Nutzer ihre Fotos und Status-Updates lediglich auf ihrer eigenen Profilseite gepostet. Der News Feed ermöglichte es nun, auf einen Blick alles mitzubekommen, was die Freunde so treiben, ohne umständlich von Profilseite zu Profilseite zu surfen.

Seit der Einführung des News Feeds im September 2006 hat sich der News Feed zum dominanten Charakteristikum hinsichtlich dessen entwickelt, wie wir uns in populären Social-Media-Apps bewegen – egal ob bei Facebook, Twitter oder Instagram.

Die Hauptfunktion des News Feeds besteht darin, Aufmerksamkeit zu verteilen. Für Facebook ist das Feature „News Feed“ das Hauptprodukt und der wichtigste Bestandteil des Nutzungserlebnisses – nicht umsonst startet jeder Facebook-Nutzer die App oder via Desktop per default mit dem Feed News.

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Exkurs „Pull vs. Push“

Seit wenigen Jahren erst ist das Smartphone das beliebteste Werkzeug, um ins Internet zu gehen (siehe ARD/ZDF Onlinestudie). Im mobilen Web aber erleben wir ein komplett anderes Internet als es noch zu Desktop-Zeiten der Fall war. Der zentrale Unterschied besteht im „Pull vs. Push“.

Früher™ nutzten wir primär einen Webbrowser, um ins Internet zu gehen. Wir tippten Adressen in Browser ein und zogen (pull) Informationen aus dem Netz – egal ob es um Nachrichten, Unterhaltung oder Kommunikation ging.

Im mobilen Internet nutzen wir hingegen vornehmlich Apps aus dem Hause Google oder Facebook, um ins Netz zu gehen. Wir erleben dadurch aber kein freies Internet, sondern ein Internet im Internet – aufgebaut, vermittelt und gesteuert durch die Interessen der Tech-Giganten.

Im großen Unterschied zur früheren, primär stationären Internetnutzung werden Inhalte aus dem Facebookschen Internet nicht gezogen, sondern zum Nutzer gepusht (push).

Facebook ist dadurch in der westlichen Welt zum bedeutendsten Verteiler von Informationen geworden. Welche Inhalte auf Facebook den Nutzer im besagten „News Feed“ erreichen, also zu ihm gepusht werden, entscheiden Facebooks Spielregeln.

Die Spielregeln aber sind für Dritte nicht transparent. Es gibt zwar gut begründete Meinungen und Hinweise, wie der gemeinhin als „Facebook Algorithmus“ betitelte Auslese- und Verteilungsprozess funktioniert, aber letztlich ist es Facebooks bestgehütetes Betriebsgeheimnis.

Wer kämpft um Aufmerksamkeit im News Feed?

Wer also im mobilen Internet eine Rolle spielen möchte, scheint gut beraten, sich auf die Spielregeln von Facebook einzulassen, will man eine größmögliche Anzahl von Nutzern erreichen.

Um den begrenzten Platz im News Feed kämpfen die unterschiedlichsten Interessensgruppen: Werbetreibende Unternehmen, Marken, Webstars, NGOs, Unterhaltungsangebote, Nachrichtenorganisationen und nicht zuletzt auch private Nutzer.

Was einst als Ort konzipiert wurde, um über die neuesten Updates von Freunden informiert zu werden, hat sich zum größtmöglichen Marktplatz der Ideen entwickelt. Kleines Beispiel: Allein der US-amerikanische Nachrichtenanbieter Fox News hat im Dezember unglaubliche 49.330 Artikel auf Facebook gepostet.

Dass hier ein Algorithmus einschreitet, um Aufmerksamkeit auch im Interesse des Nutzers zu steuern, ist also gut nachvollziehbar. Allerdings ist es genau die Art und Weise, wie der Algorithmus Inhalte auswählt, die immer wieder Anlass für Kritik ist – entscheidet der Algorithmus doch über Aufstieg und Fall von Unternehmen und Ideen. Später mehr dazu.

Welches Kapital schlägt Facebook aus dem News Feed?

Der News Feed ist das zentrale Produkt von Facebook. Wer die App öffnet, landet dort. Wer sich im Browser einloggt ebenfalls. Der News Feed spielt in der Facebook-Logik eine extrem große Rolle.

  • Der News Feed ist der Ort, an dem Nutzer primär Datenspuren hinterlassen: sie interagieren mit Inhalten, gern auch per Emoji, sie kommentieren, sie sharen, sie teilen ihre Wünsche, Sorgen, Ideen, Hoffnungen mit, sie erzählen von Produkten, die sie spannend finden, empfehlen Freunden Restaurants, Serien, Reiseziele.
  • Der News Feed ist der Grund, warum viele Nutzer die App verwenden – sie bekommen einen bunten Mix aus Inhalten kuratiert: von den Hochzeitsfotos der Cousine über den Status-Update ihres Lieblingsstars bis hin zu einigen kurzen Nachrichten-Häppchen.
  • Der News Feed spielt auch eine große Rolle, wenn es darum geht, die Nutzer dazu zu bewegen, die App wieder zu öffnen: jemand hat auf etwas reagiert, dass man geschrieben hat, ein neues Update von einem guten Freund, etc… (Ich habe jüngst für die Brand Eins beschrieben, wie diese Hooks funktionieren.)
  • Der News Feed ist auch der Ort, an dem die Nutzer primär mit Werbung konfrontiert werden. Facebook verdient durch das Schalten von Werbung im Feed, respektive durch die Möglichkeit für Fanpage-Betreiber, bestimmte Inhalte zu boosten, unvorstellbare Summen.
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Der News Feed und journalistische Angebote

Erzwungene Liebe

Der News Feed hat für journalistische Angebote schon früher eine spannende Rolle gespielt, neue Leser zu erreichen. Aber erst durch einen gravierenden Umbau des News Feeds im Jahr 2013 bekam Facebook für Publisher die Bedeutung, die es womöglich bis vergangenen Freitag hatte.

Im März 2013 kam Zuckerberg auf die Idee, Facebook zu einer Art perfekten „personalisierten Zeitung für jedermann“ umzubauen. Er schaute zu diesem Zeitpunkt argwöhnisch auf Twitter, fanden doch dort die Statements von hochrangigen Politikern, der politische Diskurs und gar historische Umwälzungen statt.

Auf Facebook hingegen wurde gegruschelt, Ice Bucket Challenges betrieben und sich der neues Quatsch über Bekannte erzählt. Für den ambitionierten Mark Zuckerberg ein nicht länger hinnehmbarer Zustand. So wurde fleißig am News Feed Algorithmus geschraubt – mit der Folge, dass ab Sommer 2013 alle, die als Medienseiten registriert waren, ungeahnte Reichweiten erlangten. (Hierzu: Meine geschätzte Kollegin Adrienne Fichter in der ersten Ausgabe der REPUBLIK).

Im Oktober 2013, kurz vor dem Börsengang von Twitter, wurde sogar neuerlich an der News Feed Schraube gedreht und Publisher wurden abermals mit einer Reichweitensteigerung beschenkt. Nachrichten fanden jetzt nicht nur auf Twitter statt, sondern auch auf Facebook. Ein direkter Angriff auf den Konkurrenten.

Die ursprüngliche Idee, den News Feed als Ort für Updates von Freunden zu nutzen, wurde somit maximal strapaziert, denn wie sich zeigen wird, waren die Logiken, nach denen der Algorithmus Inhalte sortiert (Popularität, Engagement, etc.) nie wirklich kompatibel mit journalistischen Inhalten. Aber dazu später mehr.

Im weiteren Verlauf der Jahre zeigte sich bereits, dass Facebook stets auf der Suche nach einer guten Balance war zwischen der alten Mission, Facebook als Netzwerk für Freunde, und der neuen Idee, Facebook als zentralen Marktplatz für alle Informationen. Es kommt zu einigen Tweaks, die mal Nachrichten und mal Posts von Freunden besser im News Feed ranken. Vor allem zeigt sich das News Feed Produktteam immer wieder bemüht, Clickbait den Kampf anzusagen. Fake News hingegen haben sie nicht im Blick. (Hier eine vollständige Liste aller News Feed Updates.)

Zudem erkennt Facebook, dass es rein wirtschaftlich betrachtet, nicht so wahnsinnig klug ist, Nutzer wegzuschicken. Vielmehr sollen Inhalte direkt auf der Plattform erlebt werden: die Bevorzugung von direkt bei Facebook hochgeladenen Videos (2014), die Etablierung von Instant Articles (2015), und die Einführung von Live-Video (2016) sind die Folge.

Es ist aber wohl vor allem der Trending Topics Skandal, der am besten taugt, um das Spannungsverhältnis von Journalismus auf Facebook darzustellen.

Der Trending Topics Skandal

Facebook hatte von Twitter das Feature Trending Topics abgekupfert und zunächst nur in den USA eingeführt. Die Idee: An einem separaten Ort auf Facebook werden all jene Themen aufgeführt, die auf Facebook gerade trenden. Im besten Fall wären dies, ähnlich wie bei Twitter, vor allem weltpolitische Ereignisse.

Es stellte sich aber wohl schnell heraus, dass es einer Redaktion bedurfte, um ein wenig nachzuhelfen – all zu oft wären wohl ansonsten sämtliche Trending Topics Plätze mit dem neuesten viralen Quatsch besetzt gewesen. Zu dumm nur, dass die Redaktion erstens geheim gehalten wurde und die Redaktion zweitens linke Ideen bevorzugte.

Als Gizmodo im September 2016 von der Manipulation durch Mitarbeiter eben jener Trending Topics Redaktion bei Facebook berichtete, sah sich Mark Zuckerberg einer Welle der Kritik ausgesetzt, die einen Vorgeschmack auf das liefern sollte, was das darauffolgende Jahr für ihn bereithielt.

Als Konsequenz aus dem Trending Topics Skandal und dem einfach nicht enden wollenden Volumen an Inhalten, die von professionellen Medienanbietern, Marken und Co auf Facebook publiziert wurden, nahm Facebook einige Veränderungen am News Feed vor, die Publisher im Verlauf des Jahres 2017 deutlich zu spüren bekamen und darin mündeten, dass Google zum Ende des Jahres 2017 wieder für mehr Traffic bei den Publishern verantwortlich war als Facebook.

Die sukzessive Beschneidung der organischen Reichweite, die Einführung eines separaten Feeds (dem Entdecker Feed) und ein News Feed Test in sechs ausgewählten Ländern, der dazu diente, Nachrichten aus dem regulären News Feed der User auszuklammern, zeigten bereits deutlich, wo die Reise hingehen würde.

Motivation von Facebook für News Feed Umbau

Wider dem Design

Nachrichten standen schon immer der Logik des News Feeds entgegen. Wie eingangs dargestellt gilt es sich den Spielregeln des News Feed Algorithmus zu unterwerfen, möchte man im News Feed der Nutzer auftauchen. Nur wer sich an die Spielregeln hält, hat eine Chance, im News Feed zu landen.

Diese Spielregeln orientieren sich allerdings immer an Likes und Engagement. In diesem Sinne haben Nachrichten, die eher langweilig anmuten oder maximal objektiv dargestellt sind, keine Chance im News Feed aufzutauchen. Es gilt das Prinzip der maximalen Emotionalität, es darf gern reißerisch sein, lieber Kommentar als pure Nachricht.

Zudem mögen weder Werbetreibende noch normale Nutzer schlechte Nachrichten oder kontroverse Meinungen. Das Ziel von Facebooks News Feed ist es nicht, dass Nutzer alles wissen, alles erfahren oder in ihrer Comfort Zone herausgefordert werden. Das Ziel besteht darin, den Nutzer maximal lange auf der Plattform zu halten. Da möchte man ihm lieber nicht all zu schwierige Nachrichten zumuten.

Ein ehemaliger, hochrangiger Mitarbeiter von Facebook bringt es auf den Punkt:

„News on Facebook has actually hurt, not helped, them.“

Aufflammende Kritik an Tech-Konzernen

Seit der US-Wahl sieht sich Mark Zuckerberg einer Welle an Kritik ausgesetzt, die er sich wohl so in den kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen können. Zuckerbergs Facebook steht in der Kritik für:

  • die Einflussnahme auf die US-Wahl durch Russland
  • die Zirkulation von Propaganda, Hate Speech und Fake News
  • das Zustandekommen von Filterblasen und Echokammern
  • die Gefährdung der mentalen Gesundheit seiner Nutzer
  • die Diskriminierung von Minderheiten durch Werbeanzeigen
  • und, und, und

Das alles ist schlecht fürs Geschäft und für das Renomee des Unternehmens. Wer möchte schon eine App nutzen, die all das ermöglicht? Beides gravierende Gründe, um das Ruder herumzureißen und Facebook reparieren zu wollen, wie es Mark Zuckerberg als Herausforderung für 2018 formulierte.

Aber vor allem, und das ist bei diesem Level an Macht, Geld und Genialität nicht außer acht zu lassen, scheint es Mark Zuckerberg selbst enorm zu nerven, was aus seinem Facebook geworden ist.

Nun mag man Facebook und Zuckerberg aus Datenschutzgründen und genereller Abneigung gegenüber einer solchen Machtaggregation bei einer nicht demokratisch legitimierten Gruppe äußerst skeptisch gegenüber stehen, aber dass Zuckerberg all das, was an Kritik an ihn herangetragen wird, gewollt hat oder weiterhin billigend in Kauf nehmen möchte, kann man sich nun beim besten Willen nicht vorstellen. Das Interview mit der New York Times, in dem er erklärt, dass er nicht möchte, dass seine Tochter denkt, Facebook sei schlecht für die Welt, nehme ich ihm ab.

Nutzer posten immer weniger

Facebook steht bereits seit einiger Zeit vor der Herausforderung, dass Nutzer immer weniger selbst posten. Das liegt wohl zum einen daran, dass sich der Nutzer nicht wirklich sicher sein kann, ob sein Post auch wirklich von seinen Freunden gesehen wird (Stichwort: „Facebook Algorithmus“). Warum sollte er dann überhaupt posten? Zum anderen bewegt sich der reguläre Nutzer in einem Umfeld, in dem unzählige professionelle Medieninhalte lanciert werden – das könnte mit Blick auf die eigenen Gedanken, Fotos und Videos zuweilen etwas einschüchternd wirken.

Ferner ist seit den Enthüllungen durch Snowden zu beobachten, dass sich die Diskussionen in gefühlt privatere Räume verlagert: in Gruppen oder Messenger.

Beides bringt Probleme mit sich:

  • Erstens hinterlassen Nutzer, wenn sie Facebook nur passiv nutzen, kaum noch Datenspuren. Wünsche, Träume, etc, aus denen Facebook Muster auslesen kann, die Facebook für zielgerichtete Werbung verkaufen kann, sind dann nur noch bedingt erfasbar. (Dieses Video erklärt extrem gut, wie Facebook an seine Daten kommt und daraus Muster erkennt).
  • Zweitens zeigen Facebook-interne Statistiken, dass Facebook für die Nutzer irrelevant wird, wenn die Anzahl von Inhalten, die von Freunden und Familie gepostet wird, zu gering wird. Das gilt es zu verhindern.
  • Drittens zeigen von Facebook selbst präsentierte Studien, dass es allem Anschein nach einen Zusammenhang zwischen passiver Facebook-Nutzung und schlechter mentaler Verfassung gibt. Inwieweit diese Studie nur dem Facebook-Ansatz passt, Nutzer wieder stärker selbst zum Posten zu bewegen, kann ich nicht beurteilen, gilt es aber natürlich kritisch zu hinterfragen.

Facebooks China Problem

Wolfgang Blau macht in einem Medium-Post zurecht auf Facebooks China Problem aufmerksam. Facebook zählt aktuell fast zwei Milliarden Nutzer weltweit. Will Facebook weiter wachsen, muss das soziale Netzwerk auch in China Fuß fassen. Das aber kann nur funktionieren, wenn das soziale Netzwerk sich entpolitisiert.

Da es aber schwierig sein dürfte, eine komplett chinesische Facebook-Version zu kreieren, kommt es Facebook womöglich zupass, jetzt generell den Stecker in Sachen News zu ziehen. Dazu Blau:

„News journalism has become a strategic burden for facebook in its critical need to be a truly global player, which it isn’t. Not as long as they are not in China and always at risk of being thrown out of Russia or Turkey. There is zero strategic interest for Facebook to become a ‚publisher‘, just like Apple has no reason to buy the New York Times, despite that being a never=ending speculation in the industry. Owning the Times would be a political stone around Apple’s neck in China. Wrapping too much journalism around your brand is a mistake for any platform hoping to still make it into China, which is one of Mark Zuckerberg’s great ambitions.“

Potentielle Konsequenzen für Publisher

Weniger Sichtbarkeit

Die Inhalte von Freunden und Familienmitgliedern sollen künftig höher gerankt. Somit wird der Umbau des News Feeds zu sehr viel weniger Sichtbarkeit für die Postings von Fanpages führen. Wie sich das genau verhält, müssen die Zahlen in den kommenden Monaten zeigen.

Beschädigtes Vertrauensverhältnis zu Facebook

Bis auf drei Publikationen war wohl kein Medienhaus im Vorfeld über die Pläne von Facebook eingeweiht. Da Facebook gerade einmal vor einem Jahr das Journalism Project gelauncht hatte und sich auch sonst immer gern PR-gerecht journalistischen Anbietern als Partner darstellt, dürfte das Erschrecken eben jener Partner gewaltig gewesen sein als die Pläne des News Feed Umbaus bekannt wurden. Von einem beschädigten Vertrauensverhältnis zu sprechen, dürfte vielerorts noch als Euphemismus durchgehen.

Abbau von Video-Teams

Facebook hatte – wie oben beschrieben – durch eine Vielzahl von News Feed Updates dafür Sorge tragen wollen, dass Publisher enorme Anstrengungen unternehmen, um auf Facebook erfolgreich zu sein. Unter anderem hatten Verlage und andere, die vorher das Thema Video nicht auf dem Schirm hatten, eigens Teams und Redaktionen aufgebaut, um Video auf Facebook anbieten zu können. All diese Anstrengungen könnten womöglich eingedampft werden.

Viral-Publisher gehen womöglich vor die Hunde

Gerade Inhalte-Anbietern, die darauf angewiesen sind, dass sie von Facebook enormen Traffic geliefert bekommen, dürften vom Umbau des News Feed hart getroffen sein. Zwar beteuert Facebook, dass auch weiterhin solche Inhalte auf Facebook zu finden sein könnten, aber eben nur wenn sie „bedeutungsvoll“ sein. Dazu später mehr.

Viele werden jetzt auf Engagement setzen

Da es nichts bringen dürfte, auf Traffic zu setzen, werden viele Publisher nun auf Engagement setzen. Das Problem hierbei: Journalismus ist nicht in erster Linie dafür gedacht, Interaktionen zu erzeugen. Vielmehr geht es vor allem darum, zu informieren. Passivität ist also im journalistischen Sinne nichts schlechtes – ganz im Gegenteil zur Facebook-Logik.

Optionen und Chancen für Publisher

Unmittelbar

  • Alle sollten ihren Nutzer zu verstehen geben, dass es ein großes News Feed Update geben wird und welche Konsequenzen das für die Beziehung Fanpage <-> Nutzer haben wird.
  • Es könnte zudem nicht schaden, die Nutzer direkt darüber zu informieren, dass sie, wenn sie die „See First Option“ auf der Fanpage auswählen, auch weiterhin alles zu sehen bekommen, was der Inhalteanbieter postet – unabhängig vom News Feed Umbau.

Mittelfristig

  • Das Ziel dürfte bei vielen lauten: auf Engagement, statt auf Klicks optimieren. Es wird sich also zeigen, wer eine echte Community hat und wer bloß Traffic-Bringer hat. Wichtig hierbei: Bloß kein Engagement-Bait betreiben, sondern darauf abzielen, eine echte Community aufzubauen, ein loyales Publikum zu finden. Etwa via Gruppen.
  • Darauf einstelllen, dass ohne finanzielle Hilfe kaum noch Reichweite erzielt werden kann. Die Zeiten der großen organischen Reichweiten sind wohl vorbei.
  • Neuer Fokus für Social-Media-Redakteure: statt Reichweiten-Besorger zu sein, sind jetzt vor allem Community-Skills gefragt. Das ist ein ganz anderer Job und erfordert eine andere Herangehensweise. Viele werden sich nun zum ersten Mal in der Situation wiederfinden, wirklich mit dem Publikum Kontakt aufzunehmen und zu versuchen, es zu verstehen.
  • Es dürfte zudem für viele Publisher interessant sein, stärker auf Personen als Markenbotschafter zu setzen. Wenn Fanpages abnehmen, dann stärker auf echte Personen setzen, gar eigene Redakteure noch viel stärker auf Facebook zum Agieren zu bewegen. Der News Feed Test in der Slowakei hat gezeigt, dass es häufig gar nicht so sehr die Fanpages selbst sind, die den Traffic bringen, sondern vor allem die Influencer / Personen.
  • Auch ist es sicherlich hilfreich, andere Apps wieder vermehrt in den Fokus zu rücken. Nun ist Twitter bislang in Deutschland wirklich kein Reichweitenbringer, aber vielleicht doch noch einmal einen Blick wert. Auch dürfte das Thema Email oder Messenger für viele eine sehr viel größere Rolle künftig spielen. Zudem ist Flipboad ebenfalls ein spannendes Instrument, um Nutzer abzuholen.

Langfristig

  • Es wird darum gehen, einen direkten Draht zum Publikum zu finden. Wer bislang nur auf schnelle Klicks aus war, sollte sich überlegen, wie er einen flüchtigen Besucher künftig in einen wiederkehrenden, im besten Fall sogar zahlenden Abonnenten verwandeln kann
  • Facebook sollte auf keinen Fall komplett aufgegeben werden, zu sehr ist Facebook auch auf absehbare Zeit noch die zentrale Schnittstelle, wenn es um die Verteilung von Aufmerksamkeit geht. Aber vielleicht ist Facebook für Publisher künftig mehr ein Kommunikationswerkzeug als ein Traffic-Lieferant.

Generelle Chancen des News Feed Umbaus

Facebooks Rolle als Verteiler von Informationen

Eventuell, aber auch wirklich nur eventuell, führt der Umbau des News Feeds dazu, dass User künftig wieder verstärkt auf anderen Wegen nach Informationen suchen. Das bedeutet aber auch, dass die Angebote entsprechend attraktiv sein sollten: Das Streben nach verbesserten Personalisierungsangeboten auf Websites, einfachen Subscriber-Optionen, etc. ist jetzt gefragt.

Vertrauen in Medien nimmt nicht weiter ab

Vielleicht führt der Umbau des News Feeds auch dazu, dass das Vertrauen in Medien nicht weiter abnimmt, schließlich müssen sich Anbieter künftig nicht mehr in unmittelbarer News-Feed-Konkurrenz zu Postings von Lukas Podolski und Bored-Panda-Inhalten durchsetzen.

Publisher besinnen sich auf journalistische Prinzipien

Eine weitere Chance im Umbau des News Feeds könnte darin bestehen, dass Publisher sich künftig wieder sehr viel stärker auf journalistische Tugenden konzentrieren. Viel zu oft wurden in Redaktionen Kapazitäten darauf verwendet, Facebook-optimierte Inhalte zu kreieren. Wenn das künftig keine Option mehr ist, ermöglicht das Freiräume für andere journalistische Ideen.

Probleme und Gefahren des News Feed Umbaus

Mehr Propaganda, Hate Speech, Fake News

Die Enthüllungen rund um die versuchte Einflussnahme auf die US-Wahl via Facebook durch Russland haben gezeigt, dass es nicht so sehr die geschalteten Werbeanzeigen oder Fanpage-Inhalte waren, die für die Zirkulation der Propaganda verantwortlichen waren, sondern vielmehr die Postings der regulären Nutzer.

Auch der News Feed Test in den bereits angesprochenen sechs Ländern hat dazu geführt, dass reguläre Nachrichten-Anbieter in ihren Reichweiten beschnitten wurden, Anbieter von Fake News aber hingegen wohl nicht.

Die Bevorzugung von Inhalten von Freunden und Bekannten könnte also womöglich zur Konsequenz haben, dass sich Fake News und Co weiterhin ungehindert verbreiten.

Filterblasen / Echokammern

Eigentlich – und das ist vielen nicht bewusst – zeigen verschiedene Studien, dass soziale Netzwerke durchaus dazu beitragen, dass man mehr News von unterschiedlichen Absendern zu sehen bekommt. Eine größere Pluralität von Ideen ist somit theoretisch möglich. Wenn nun eine Verengung auf Beiträge von Freunden stattfindet, könnte sich die Gefahr von Filterblasen und Echokammern erhöhen.

Gruppen nicht im Fokus

Hinsichtlich der Gefahr einer weiteren Verstärkung von Filterblasen- und Echokammer-Effekten gilt es auch einen Blick auf Gruppen zu werfen. Dort finden – ähnlich wie bei den sogenannten dark ads – unter Ausschluss einer größeren Allgemeinheit, respektive womöglich ohne eines gemeinsamen Wissensfundaments Dialog und Austausch statt, bei dem niemand die Kontrolle darüber hat, wer welche Informationen zu welchem Zwecke wie verteilt. Wollte Zuckerberg Fake News und Propaganda Herr werden, muss er einen Weg finden, Gruppen besser zu kontrollieren.

Messenger

Das gleiche Szenario gilt für Messenger. Wenn der News Feed Umbau nur darin besteht, einen kosmetischen Eingriff vorzunehmen und Fake News, Propaganda, Verleumdung und Hate Speech aus der sichtbaren Zone herauszunehmen, dann ist der Demokratie nicht viel geholfen. Schließlich sind es gerade auch Messenger wie WhatsApp, die ein enormes Fake News & Propaganda Problem haben. Da die Messenger – aus gutem Grund – sogar verschlüsselt sind, drohen sich hier Schattenöffentlichkeiten zu bilden.

Generelle Informationsversorgung

Facebook ist wie eingangs beschrieben für viele Nutzer zum Gatekepper Nummer Eins geworden hinsichtlich ihres Medienmenüs. Wenn nun der Anteil von News auf Facebook abnimmt, dann ist nicht gesagt, dass die Informationen an anderer Stelle abgeholt werden.

Diese Sorge tritt in Deutschland etwas weniger arg zutage, weil hierzulande soziale Netzwerke allen sich hartnäckig haltenden Gerüchten und Halbwahrheiten zum Trotz sowieso nur eine Minderheiten-Rolle spielen, wenn es um das Lesen von News geht. In anderen Teilen der westlichen Welt hingegen sieht das ganz anders aus, wie Kollege Charlie Warzel treffend formuliert:

„It is concerning, though, that at a time of immense turbulence in the world, content from media organizations is being deprioritized,“ Facebook has become an essential piece of infrastructure for public content, and we should be wary of anything that undermines the platform’s utility here. The media is on the frontlines of helping our society navigate the present challenges, and Facebook has an obligation to help its community connect with information as readily as with friends.“

Fehlende Transparenz

Wenn Mark Zuckerberg und Kollegen ankündigen, dass künftig nur noch Inhalte im News Feed auftauchen sollen, die besonders „meaningful“ sind, dann ist es unabdingbar zu erfahren, was „meaningful“ bedeuten soll.

Was ist das primäre Incentive Zuckerbergs?

Dieser Artikel hat bereits einige Motive, Gründe und Ziele für den Umbau von Facebook aufgezeigt. Am Ende wissen wir aber nicht hundertprozentig, was das primäre Incentive für Zuckerberg ist, diesen Schritt zu gehen. Was also ist die Rechnung, die Facebook hier anstellt?

Facebooks Zukunft

Facebook hat es wie kein zweites Unternehmen auf der Welt geschafft, die bereits real existierenden Verbindungen zwischen Freunden und Familienmitgliedern in die Online-Welt zu transferieren. Facebook ist der Ort unseres digitalen Ichs. Dafür ist Facebook bekannt. Damit verdient Facebook Milliarden. Aber liegt darin auch wirklich Facebooks Zukunft? Oder ist das nur die Basis für ganz andere Ziele, die Facebook eigentlich erreichen möchte?

Ein Blick auf Facebook-Projekte, die in der Zukunft eine wesentliche Rolle spielen werden und bei der die lästigen Probleme mit dem News Feed nur stören:

Machine Learning / AI

Facebook gehört laut Amy Webb zu den neun Unternehmen, die aktuell darüber mitentscheiden, in welche Richtung sich die Welt beim Thema Machine Learning, respektive AI, entwickelt. Nur wenige Forschungsvorhaben sind hinsichtlich Facebooks AI-Bemühungen bislang bekannt geworden. Dazu gehören:

  • Satelliten-gestützte Kartografie – unter anderem um Gebiete zu entdecken, die noch nicht mit Internet versorgt sind
  • Vorhersagen über die Bedürfnisse der Nutzer treffen – wofür es die Daten der Nutzer braucht und eben keine passive Facebook-Nutzung
  • Personaliserung der Nutzungserfahrung
  • Gesichtserkennung
  • Visual Computing: Erkennen, was auf Fotos ist, etc.

Blockchain / Cryptocurrency

In seinem Post zum Start ins neue Jahr sprach Mark Zuckerberg darüber, dass er Facebook reparieren wolle. Zudem sprach er auch Themen an, die für Facebook interessant sein könnten: etwa Dezentralisierung via Blockchain und Cryptocurrencies. Beides für Facebook durchaus spannende Betätigungsfelder – man stelle sich nur eine eigene Facebook-Währung vor. Das hätte bei knapp zwei Milliarden Mitgliedern eine so enorme Sprengkraft, wie es sich bislang wohl keiner vorstellen kann.

Communities

Die Mission des vergangenen Jahres bestand für Zuckerberg bekanntlich darin, möglichst viele US-Staaten zu bereisen. Am Ende der Herausforderung kannte Zuckerberg nur ein Thema: die Bedeutung von Communities für die Menschen.

Witzigerweise handelt es sich dabei etwas um eine selbsterfüllende Prophezeiung, hatte er doch beim neuen Facebookschen Mission Statement Anfang 2017 genau die Bedeutung von Communities für Facebook betont, aber sei es drum: Facebook wird sich bemühen, künftig nicht nur das Digitale Ich abzubilden, sondern auch zum Digitalen Wir zu avancieren.

Virtual Reality

Während es womöglich auch in hunderten von Jahren noch unmöglich sein wird, Atome von A nach B zu transferieren, ist es mit Bits und Bytes ein Leichtes. Folglich spielt Virtual Reality für die Zukunft von Facebook eine enorm große Rolle. Wie auf dieser Website ersichtlich möchte Facebook zu dem Ort werden, an dem virtuell Freunde und Kollegen getroffen werden können. Dafür braucht es die Kontakte auf Facebook, dafür braucht es Vertrauen in das Netzwerk – ein Abwenden von Facebook ist jedenfalls keine Option.

Hardware

Facebook bastelt nun bereits seit Jahren in geheimen Laboren an unterschiedlichster Hardware. Bislang ist davon allem Anschein nach noch nichts wirklich marktreif gewesen. Jetzt heißt es aber, würde Facebook ein Gerät auf den Markt bringen, mit dem in erster Linie Video-Telefonieren ermöglicht werden soll. Vieles von dem, was Facebook Hardware-seitig testet und entwickelt, muss aber gar nicht zwangsläufig für den Endverbraucher gedacht sein, wie diese Website verrät.

Too long, didn`t read:

Der News Feed Umbau ist wohl auch ein Stück weit ein Verzicht, die gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, die Facebook niemals wollte. Die Frage ist nur, worauf will Facebook dann wirklich optimieren? Facebook legt den Fokus jedenfalls nicht darauf, eine Plattform für Publisher zu sein. Vielmehr sieht Facebook die dringende Notwendigkeit, Nutzer wieder selbst zum Agieren zu ermutigen, denn nur dadurch kann Facebook notwendige Daten sammeln, um führend im Bereich AI zu werden und gleichzeitig dafür Sorge tragen, für alle Nutzer weiterhin ein elementarer Bestandteil der privaten Kommunikation zu bleiben.