Die Vorhersagen des NiemanLab für den Journalismus 2018 auf einen Blick

Martin

Das NiemanLab präsentiert jedes Jahr eine Vielzahl an Stimmen, die sich zur Entwicklung des Journalismus im darauffolgenden Jahr äußern dürfen. Da die Predictions for Journalism 2018 allerdings wieder einmal genauso lesenswert wie umfangreich sind, habe ich mir gedacht, ich schreibe ein kleines „too long, didn`t read“ für zusammen.

Bei der Durchsicht aller Vorhersagen fällt auf, dass es drei große Themen gibt, die bei allen mitschwingen:

  • das verloren geglaubte Vertrauen der Leser
  • die Rolle von Machine Learning / AI für den Journalismus im kommenden Jahr
  • die Frage nach den Abhängigkeiten zu den Social Media Plattformen und den Technologie-Unternehmen.

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Ariana Tobin, Engagement Reporterin bei ProPublica, geht davon aus, dass wir alle sehr müde sein werden ob all der Inhalte, die wir dem Publikum zumuten. Deshalb lautet die wichtigste Frage für 2018: Was ist wirklich die Zeit der Leser wert? [Link]

Kathleen McElroy, University of Texas School of Journalism, geht davon aus, dass 2018 das Jahr werden könnte, in dem Nutzer analog zu der Art und Weise, wie sie Musik bei Spotify hören, nämlich Stimmungsabhängig, auch journalistische Produkte konsumieren wollen: zum Relaxen, beim Kochen, zum Aufwachen, usw. [Link]

Alastair Coote, Developer im Guardian Mobile Innovation Lab, ist der Ansicht, dass sich im kommenden Jahr viele Publisher wieder sehr viel genauer anschauen werden, was sie mit ihren eigenen Plattformen alles anstellen können, anstatt nur jede neue Box zu befüllen, die ihnen die Web-Giganten zur Verfügung stellen. [Link]

Jennifer Choi, Strategic Partnership bei der News Integrity Initiative, meint, dass 2018 das Jahr werden muss, in dem Leser und Publisher wieder stärker zueinander finden. Dafür müssten Publisher um das Vertrauen der Leser werben. [Link]

Dheerja Kaur, Head of Product at theSkimm, zeigt sich überzeugt davon, dass wir noch viel mehr Versuche sehen werden, Nutzer zu Subscribern zu machen. Dafür bedürfe es allerdings drei wesentlicher Komponenten: Das Produkt muss zu einer Gewohnheit werden, es muss daher verlässlich zu einer bestimmten Zeit ausgespielt werden und immer die gleiche Qualität liefern. [Link]

Justin Kosslyn, Product Manager bei Jigsaw / Google: 2018 wird das Jahr, in dem Journalisten vermehrt über digitale Sicherheit nachdenken müssen – sowohl hinsichtlich ihrer journalistischen Arbeit als auch hinsichtlich der Berichterstattung über das Thema insgesamt. [Link]

Federica Cherubini, Condé Nast International, macht sich Gedanken darüber, wie all die neuen Jobs in Newsrooms (Engagement Officer, Head of Digital Delivery, Project Editor, etc…) besser in die Arbeitsabläufe eingebunden, stärker verstanden und mehr wertgeschätzt werden können. [Link]

Ray Soto, Gannett, sieht einen starken Trend zu VR. Mit zunehmend geringeren Kosten und der dadurch höheren Verbreitung würde sich auch die Erwartungshaltung an die Inhalte erhöhen. Da gilt es als Publisher eine Strategie parat zu haben. [Link]

Rasmus Kleis Nielsen, Reuters Institute for the Study of Journalism at Oxford University, befürchtet, dass wir 2018 erleben werden, wie Social und Media weiter getrennt werden. Das, wie er es nennt, Snapchat-Szenario könnte bedeuten, dass die absolute Mehrheit der Publisher, die aktuell auf Facebook publizieren, nicht mehr via Facebook Inhalte lancieren können – etwa weil sie dafür zahlen müssen. [Link]

Taylor Lorenz, The Daily Beast, geht ebenfalls davon aus, dass Social und Media stärker getrennt werden. Die User würden es ja bereits vormachen: Sie posten weniger öffentlich, nutzen verstärkt Messenger oder Gruppenfunktionen, um sich auszutauschen. Gleichwohl geht der Medienkonsum aber nicht zurück – er findet allem Anschein nach nur gezielter statt und findet nicht mehr über den News Feed statt. [Link]

Rachel Schallom, The Wall Street Journal, sieht die größte Herausforderung im Jahr 2018 darin, dass Publisher das Vertrauen der Leser zurückgewinnen müssen. Dies ginge vor allem darüber, dass strikter zwischen Meinung und anderen Inhalten unterschieden wird – am besten, so Schallom, passiert dies über das Design. Nur durch eine glasklare Trennung könnten User davon überzeugt werden, dass nicht alles mit einem bias versehen sei. [Link]

Richard J. Tofel, President ProPublica, geht davon aus, dass wir im Jahr 2018 einen sehr viel größeren Fokus darauf legen müssen, welche Auswirkungen die Social-Media-Plattformen auf die Gesellschaft haben. Aller Voraussicht nach werden wir große Kartellrechts-Fragen erleben, die im besten Fall von sauberer journalistischer Arbeit angetrieben werden. [Link]

Zizi Papacharissi, University of Illinois at Chicago, wünscht sich für 2018 mehr Frauen an prominenteren Positionen im Journalismus. Die #metoo-Debatte wäre doch dafür eigentlich der perfekte Rückenwind, so Papacharissi. [Link]

Nathalie Malinarich, BBC News, sieht einen Peak Push auf uns zu kommen. Da noch viel mehr Push-Nachrichten als 2017 ja wohl kaum erträglich wären, wünscht sie sich einen besseren Umgang mit den Möglichkeiten, journalistische Inhalte auf den Lockscreen zu schicken. [Link]

Bill Keller, The Marshall Project, geht davon aus, dass wir 2018 sehr viele neue Nonprofit Newsrooms erleben werden, die sich durch Philantrophie finanzieren. [Link]

Jacqui Cheng, editor-in-chief Wirecutter, sieht 2018 verstärkte Bemühungen seitens kommerzieller Shops, als Journalismus getarnte Verkausempfehlungsportale aufzuziehen. [Link]

John Keefe, Quartz Bot Studio, glaubt, dass im neuen Jahr Machine Learning eine sehr viel größere Rolle im Journalismus spielen wird. Bereits heute gäbe es spannende Projekte, 2018 würden wir sehr viel größere sehen. [Link]

Kristen Muller, Southern California Public Radio, wünscht sich für das neue Jahr mehr journalistische Basisarbeit. Viel zu sehr sei der journalistische Apparat auf all das fokussiert, was bei Politikern und Parteien passiert, viel zu wenig hingegen würde man auf die normalen Bürger schauen. Das müsse und werde sich ändern, so Muller. [Link]

Laura E. Davis, Annenberg Media Center, denkt darüber nach, dass Journalisten im neuen Jahr wohl lernen müssen, wie sie für AI schreiben. Also nicht Google-optimiert, nicht Facebook-optimiert, sondern für Chatbots, für Alexa und für all die anderen wunderbaren Wege und Möglichkeit, journalistische Inhalte abzufragen. [Link]

Cory Haik, publisher of Mic, hat eine sehr genaue Vorstellung davon, wo der Fokus im kommenden Jahr liegen sollte: beim Einfluss, den das eigene journalistische Wirken auf das Leben der Leser hat. Nach all dem pivoting to video, hiring growth hackers, neue Werbeformaten, etc. sei es nun an der Zeit für ein pivot to impact. [Link]

Ruth Palmer, Spain’s IE University, zeigt sich besorgt darüber, dass es in Zeiten von Social Media für Menschen immer schwieriger werden könnte, sich gegenüber Journalisten öffentlich zu äußern. Palmer kennt zahlreiche Beispiele, bei denen Menschen nach ihren Aussagen via Social Media attackiert wurden. Das müssten Journalisten im Blick behalten. [Link]

Nicholas Diakopoulos, Northwestern University, ist alarmiert hinsichtlich der Optionen, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Mittlerweile sei die Technik soweit, dass verdammt echt wirkende, fiktionale Botschaften automatisiert verbreitet werden könnten – Stichwort Bots. Journalisten sind gefragt, solche Manipulationsversuche aufzudecken, und um Authentizität zu kämpfen. [Link]

Cindy Royal, Texas State University, fordert eine Neuausrichtung bei der Ausbildung des journalistischen Nachwuchs. Viel zu antiquiert seien vielerorts die Lehrpläne, die Studierenden auf einen Job in der heutigen Medienwelt nicht wirklich vorbereitet. Das müsse sich ändern, wolle die Gesellschaft nicht eine künftige Generation an guten Journalisten verlieren. [Link]

Valérie Bélair-Gagnon, University of Minnesota, macht sich ebenfalls Sorgen um das Thema Vertrauen. Für sie ist vor allem spannend, wie sich Chat-Apps und Messenger auf die Arbeit von Journalisten auswirken, könnten sie dadurch doch in „fragmented spaces“ mit regulären Nutzer in Kontakt treten – zum Guten und zum Schlechten. [Link]

Christopher Meighan, The Washington Post, ist der Meinung, dass es 2018 endlich an der Zeit ist, einmal Tabula rasa zu machen und sich ganz genau anzuschauen, welche Plattformen eigentlich welchen Zweck erfüllen, schließlich dürfe die Präsenz auf Social Media Kanal XY nicht zum reinen Selbstzweck verkommen. [Link]

Alexios Mantzarlis, Fact-Checking Network at Poynter, erhofft sich von Facebook mehr Einsichten darüber, wie Fake News auf der Plattformen performen. Auch sei es an der Zeit, dass sich die ganzen Fake-News-Einheiten, die sich vielerorts gebildet haben, aus dem Labor-Status herauskommen und Einzug halten in das Tagesgeschäft. [Link]

Neha Gandhi, Girlboss, wünscht sich, dass im Jahr 2018 alle einen Schritt zurücktreten und sich ganz genau überlegen, wie viel Output sie wirklich brauchen, um ihr Publikum zufrieden zu stellen. Weniger ist mehr. [Link]

Adam Thomas, European Journalism Centre, würde sich darüber freuen, wenn Journalisten im kommenden Jahr mehr von einander lernen. Es gäbe so viele tolle Projekte, aber viel zu selten wären die Macher untereinander wirklich im Gespräch. Es bräuchte eine neue Generation von Mentoren. [Link]

Heather Bryant, Project Facet, wünscht sich ebenfalls mehr Zusammenarbeit. Projekte wie Panama Papers oder Documenting Hate würden es vormachen: viele journalistische Projekte lassen sich über Kollaborationen, gern auch international, wesentlich besser angehen. [Link]

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