Briefing für den 14.2.2018 | Ausgabe #429

Martin

Salut! So viele News, der Wahnsinn. Ich hoffe sehr, dass wir mit unserem kleinen Briefing helfen können, den Überblick zu behalten. Viel Vergnügen bei der Lektüre und vielen Dank für das Interesse, Martin & Team


FACEBOOK @ CODE MEDIA

Was ist: In Kalifornien fand gerade die Konferenz Code Media statt. Der Branchentreff, der von Recode organisiert wird und bei dem sich führende Köpfe von Google, Facebook und Co die Klinke in die Hand geben, gilt als wichtiger Gradmesser in der Tech-Industrie.

Was muss ich darüber wissen? Nun, es gab verschiedene Panels, die sicherlich alle für sich genommen sehr sehenswert sind. In unserem heutigen Briefing möchte ich mich aus guten Gründen auf News von Facebook konzentrieren:

1. Facebook hat keine Ahnung, was meaningful bedeutet: Laut erfrischend ehrlichen Aussagen des News-Feed-Chefs Adam Mosseri ist Facebook immer noch dabei herauszufinden, was Nutzer eigentlich als meaningful ansehen würden. Nicht ganz unerheblich, möchte Facebook doch dem Nutzer genau davon mehr bieten.

  • Bedeutet für Publisher: Facebook ist mit dem Umbau des News Feeds noch lange nicht fertig – change scheint die einzige Konstante.
  • In diesem Licht sind dann übrigens auch die News über den Downvote-Button-Test zu sehen, der gerade bei einigen Nutzern in den USA durchgeführt wird. Facebook möchte besser verstehen, welche Inhalte Nutzer wirklich wertschätzen.

2. Facebook will News-Videos bei Facebook Watch: Laut Aussagen der News-Partnership-Beauftragten Campbell Brown möchte Facebook künftig bei Facebook Watch auch Nachrichten-Videos sehen.

  • Bislang habe Facebook dafür noch keine Partner gefunden.
  • Das Ziel sei es, dass Facebook Watch künftig eine beliebte Adresse wird, um sich bei „big, breaking news moments“ zu informieren.

3. Facebook schließt nicht aus, Publisher irgendwann für Inhalte zu bezahlen: „Never say never to anything“ – unter diesem Motto sieht Campbell Brown die weitere Entwicklung der Beziehung von Facebook und professionellen Inhalte-Anbietern – gerade hinsichtlich der Frage, ob Facebook irgendwann auch für Inhalte von Publishern bezahlen würde.

  • Eine Forderung, die übrigens Jonah Peretti, Gründer und CEO von BuzzFeed, noch einmal unterstrich: eine stärkere Beteiligung der Publisher am Umsatz, den Facebook erzielt – allen voran jene Umsätze, die über Facebooks News Feed generiert würden.

Be smart: Facebook versucht eigenen Aussagen zufolge zum ersten Mal Qualität zu definieren. Ob das bereits einer redaktioneller Entscheidung gleichkommt, müssen andere entscheiden, aber der Grat zwischen Medien- und Tech-Unternehmen scheint noch schmaler zu werden. Facebook ist im Begriff, die Beziehung zu Publishern und professionellen Inhalte-Anbietern neu auszuloten. Wem es nicht passt, wie Facebook agiert, der müsse halt schauen, ob er Facebook noch benutzen möchte – so die klare Ansage von Facebooks Campbell Brown.

Apropos Rückzug von Facebook: Noch einige Tage vor der Code-Media-Konferenz hat die größte Zeitung Brasiliens genau das getan: sie hat einen kompletten Rückzug von Facebook angekündigt.


TALKING BIG MONEY

Was ist: Finanzstarke Unternehmen drohen Facebook & Co mit einem Werbeboykott.

Warum machen die das? Vordergründig fordern die Werbetreibenden, dass sich Facebook, YouTube und Co stärker um Hate Speech, Propaganda und Fake News auf ihren Plattformen kümmern sollen.

Worum geht es wirklich? Natürlich geht es den Unternehmen vor allem darum, nicht in einer Umgebung zu werben, die all den oben genannten Mist ermöglicht – schließlich wollen sie damit nicht in Verbindung gebracht werden.

Warum ist das interessant? Zwar verbuchen Tech-Unternehmen gerade Rekordumsätze, aber das muss nicht immer so bleiben, schließlich verdienen sie ihr Geld vor allem über Werbung, die sie an ihr Produkt, ihre Nutzer, ausspielen.

Welche Unternehmen machen da mit?

Be smart: Sicherlich eine großartige Sache, wenn Facebook und Co dadurch gezwungen werden, sich verstärkt dem Kampf gegen Propaganda anzunehmen. Schlechte Sache jedoch, wenn Facebook sich deshalb von der Vermittlung von News immer stärker verabschiedet, um so ein Umfeld zu schaffen, indem sich Werbetreibende einfach nur noch pudelwohl fühlen sollen.


INFOCALYPSE

Was ist: Wer dachte, wir hätten bereits Peak Fake News erreicht, der sollte sich auf das gefasst machen, was da noch kommen könnte.

Die Zukunft von Fake News: Einem Bericht von BuzzFeed zufolge entwickeln sich aktuell die technologischen Möglichkeiten, täuschend echte Fakes zu produzieren, schneller als die menschliche Fähigkeiten, eben jene souverän zu entlarven.

Warum ist das interessant? Wir sehen jetzt bereits Technologien, die es ermöglichen, Videos zu produzieren, in denen etwa Politiker Dinge sagen, die sie so nie gesagt haben: in Ton und Video. Mit Blick auf den fragilen Zustand der Welt, braucht es nicht viel Fantasie, um sich schlimmste Szenarien auszumalen. (Die im Artikel von BuzzFeed alle bedient werden…)

Wie kann man das Problem lösen? Sicherlich ist es elementar, Menschen in Sachen Medienkompetenz besser zu schulen. Aber es ist unweigerlich auch von zentraler Bedeutung, die zugrundeliegenden Systeme stärker in den Fokus zu rücken – solange etwa YouTube vor allem daran verdient, Nutzer um jeden Preis so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, droht die Wahrheit auf der Strecke zu bleiben.


STORIES SIND DIE ZUKUNFT (TEIL 2)

Was ist: Google hat seine eigene Stories-Variante angekündigt. In einer Kooperation mit CNN, VOX Media und Mashable hat Google an einer Variante für AMP gearbeitet, die künftig allen zur Verfügung stehen soll.

Bedeutung für die eigene Arbeit: Stories werden – wie bereits von Zuckerberg notiert – zu einer zentralen Spielart, Inhalte mobil zu erleben. Mit Stories bei Google, Facebook, Facebook Messenger, WhatsApp, Instagram und – äh ja – Snapchat ist das Format nun bei den bedeutendsten Mobil-Anwendungen vertreten und sollte somit auch für professionelle Inhalte-Anbieter eine zentrale Bedeutung bekommen.

Wie funktioniert das denn bei Google? Hier ist eine Anleitung.

Und was ist mit Twitter? Noch hat Twitter keine Stories, arbeitet aber wohl an einer Implementierung, wie mir Kollege Morten Wenzek per Tweet mitteilte.

Übrigens: Instagram testet wohl gerade, einzelne Elemente einer Story in anderen Stories teilen zu können. Alles so meta.


OH SNAP!

Was ist: Snapchat muss gerade heftige Kritik am Redesign der App aushalten.

Was ist passiert? Snapchat hatte im vergangenen Jahr angekündigt, das Soziale von den Medien zu trennen. Das Redesign sollte eigentlich dazu führen, dass die App leichter zu benutzen und damit für neue Nutzer interessanter ist. Nun könnte aber die Kritik der bereits existierenden Snapchat-Nutzer kaum lauter sein:

  • Ein Fake-Tweet, der behauptet, Snapchat würde das neue Design bei einer entsprechenden Anzahl an Retweets zurückziehen, avancierte zu einem der am häufigsten retweeteten Tweets aller Zeiten.
  • YouTube-Star Marques Brownlee hat öffentlichkeitswirksam seinen Abschied von Snapchat angekündigt – natürlich nicht ohne Endorsement für Instagram.
  • Eine Petition mit dem Ziel, das Redesign zurückzunehmen, wurde bereits über 750.000 mal gezeichnet – still running.

Wie reagiert Snapchat? Von offizieller Seite aus nur mit einem wenig verständnisvollen Tweet des Support-Teams. Das war es.

Warum ist das interessant?

  • Snapchat hatte jüngst recht erfreuliche Zahlen vorgelegt und aufgezeigt, dass sie 2017 ordentlich gewachsen sind: So ist Snapchat gerade bei der jungen Zielgruppe stark. Einer Studie von eMarketer zufolge wird Snap dieses Jahr dort sogar kräftige Zuwächse erzielen, während etwa Facebook genau in diesem Segment Nutzer verliert. (Was in Teilen durch Zuwächse bei Instagram wett gemacht wird – ja, ist ja richtig…)
  • Sollte Snapchat nun seine bereits vorhandenen Nutzer derart verärgern, könnte das Snapchat durchaus gefährden.

Auf der anderen Seite: Als Facebook damals den News Feed einführte, hätte die Kritik der Nutzer auch kaum größer sein können… Just saying.


TWITTER LEBT

Was ist: Twitter hat seine Zahlen fürs vierte Quartal 2017 vorgelegt und siehe da: Twitter lebt! Unglaublich, aber wahr: Twitter kann sogar Geld verdienen.

Was sagen die Zahlen?

  • Twitter verbucht 732 Millionen Dollar Umsatz und ist damit zum ersten Mal in der Geschichte nicht defizitär. Zum Vergleich: Facebook verbucht über 40 Milliarden Dollar Umsatz.
  • Zudem verbucht Twitter 330 Millionen monatlich aktive Nutzer. Zum Vergleich: Facebook verzeichnet 2,13 Milliarden monatlich aktive Nutzer.

Langweilig! Was muss ich sonst noch wissen? Im Zuge der Veröffentlichung der 2017er Zahlen hat Twitter auch aufgezeigt, wie es um die Umstellung von 140 auf 280 Zeichen bestellt ist und siehe hier:

  • Die durchschnittliche Anzahl an Zeichen hätte sich durch die Einführung kaum verändert – sie liegt bei etwa 50 Zeichen! 50 Zeichen!!!?!
  • Nur gerade einmal 1 Prozent aller Tweets würden die 280er-Grenze erreichen.
  • Zudem würde Twitter insgesamt mehr Engagement verbuchen: mehr Retweets, mehr Likes, mehr Replies und Nutzer würden mehr Accounts folgen.

Be smart: Twitter macht trotz der rosigen Zahlen weiterhin keine genauen Angaben über die Anzahl von Nutzern in bestimmten Ländern. Solange Twitter da Stillschweigen bewahrt, würde ich Zahlen zu mehr Engagement und Co auch skeptisch gegenüber bleiben. Schließlich haben solche allgemeinen Zahlen sowohl für Publisher als auch für Agenturen nur einen begrenzten Aussagewert.


TEAM SOCIAL

Facebook-Beiträge löschen. Wann muss ich selbst aktiv werden? In unserer Facebook-Gruppe Team Social zeigt sich, dass wir häufig vor der Herausforderung stehen, das digitale Hausrecht wirklich adäquat umzusetzen – wer weiß denn schon so genau, wann Beiträge auf der eigenen Page gelöscht werden müssen, etc… Heise hat dafür eine tolle Übersicht, die für viele Kollegen einen Bookmark wert sein dürfte.

44 Instagram-Hacks: Wer sich aus beruflichen Gründen aktuell viel mit Instagram beschäftigt – und es dürfte wohl die Mehrheit unserer Leser sein – der dürfte an dieser Übersicht seine Freude habe. You are welcome!

Veränderungen bei der Facebook Reichweite: Facebook hat Anpassungen bei der Reichweiten-Messung vorgenommen, die sich für viele Seitenbetreiber negativ auswirken dürfte – sprich: Schon einmal den Chef darauf vorbereiten, dass die Posts künftig noch einmal etwas weniger Reichweite verzeichnen werden.


FEATURES, TOOLS & APPS

Distraction Free Google Docs: Dieses Tool ist für alle großartig, die den iA Writer lieben und beruflich aber vor allem mit Google Docs arbeiten müssen. Kalle Persson, seines Zeichens Product Manager bei Spotify, hat ein Plugin entwickelt, das bei Google Docs alles bis auf Page und Cursor ausblendet – Distraction Free eben.

Snap Heatmaps: Snapchat ermöglicht es nun, Snaps auf der sogenannten Heat Map auch außerhalb von Snapchat zu entdecken und via iFrame einzubinden. Könnte gerade bei Events durchaus interessant sein. Aber Vorsicht: Die Snaps sind womöglich nur 30 Tage sichtbar…

Instagram Screenshot Alerts: Instagram zeigt Nutzern nun an, wenn ein Screenshot vom Foto angefertigt wurde. So better be aware.

Twitter: Embedded Tweets zeigen jetzt nicht mehr Retweets an, sondern „People Talking About This„. Hintergrund ist Twitters Feststellung, dass Menschen, die keine Twitter-Nutzer sind, mit Retweets als Indikator nicht viel anfangen können. Daher würden künftig Replies und Retweets kulminiert aufgeführt – zumindest bei embedded Tweets.


ONE MORE THING

Dieses Video skizziert wunderbar den Status Quo des Medien/Tech-Dschungels 2018 – viel Vergnügen!