Wenn Meinungsfreiheit zur Ware wird

Martin

2617 mal am Tag berühren wir unser Smartphone. Mit großer Wahrscheinlichkeit navigieren wir uns dabei mit unseren zärtlich-sanften Finger-Bewegungen durch eine App aus dem Zuckerberg-Kosmos. Ob wir dabei aber wirklich die Steuerung übernehmen oder nicht vielleicht doch viel eher vom Design der Apps gesteuert werden, ist Gegenstand einer spannendenUntersuchung zur Smartphone-Nutzung [dscout]. So oder so ist der Einfluss von Facebook auf unser Leben enorm. Drei aktuelle Beispiele:

1] Facebook bringt Menschen willkürlich zum Schweigen. Durch das Löschen von Postings oder der Sperrung von Accounts werden immer wieder Menschen daran gehindert, auf Facebook ihre Meinung zu äußern. Dabei ist nicht nachzuvollziehen, wer wie in welcher Art und Weise darüber befindet, ob eine Meinung geduldet wird oder nicht. Facebook installiert dadurch eine Art Privatrecht, wie Johannes Boie umfangreich darlegt. Wie Facebook Menschen zum Schweigen bringt [sz]. ​

2] Facebook hat ein veritables Interesse daran, dass auf der Plattform alle immer schön fröhlich und freundlich bleiben. Warum? Ganz einfach: Die Werbeindustrie möchte in einem möglichst positiven Umfeld Geld ausgeben. Das jedenfalls gab jüngst der Kunden-Verband OWM bei horizontzu Protokoll. Wörtlich heißt es in dem Interview: “Das Businessmodell von Facebook basiert darauf, ein attraktives Werbeumfeld für Unternehmen zu sein. Schon deshalb müssen die Verantwortlichen ein vitales Interesse daran haben.” Harte Nachrichten und menschliche Abgründe würden da im News Feed sicherlich eher stören.

Facebook-Nutzer können übrigens auf dieser neuen Plattform ihre Werbe-Einstellungen überprüfen [Facebook]. Da erschrickt man sich schon mal, wie passgenau Werbung an Nutzer ausgespielt werden kann [Washington Post].

3] Facebook stört es nicht weiter, wenn einer ihrer prominentesten Investoren einen Teil seines Reichtums dafür ausgibt, ein journalistisches Angebot juristisch niederzuringen — Gawker.com macht dicht. Peter Thiel, Gründer von PayPal, hatte sich aktiv in den Rechtsstreit von Hulk Hogan und Gawker-Gründer Nick Denton eingemischt [New York Times]. Es ging ihm dabei nicht um Rache, wie er bekundet. Und sicherlich hat Thiel auch Gawker nicht allein in die Knie gezwungen — siehe dazu: Did I kill Gawker? [NYMag] Aber dass ein Facebook-Milliardär sein Vermögen dafür einsetzt, journalistische Produkte, die ihm nicht passen, mundtot zu machen, ist wirklich besorgniserregend. Vor allem dann, wenn es sich um ein Medium handelt, das stets kritisch über Facebook berichtete: Here`s what Gawker Media Does [Gawker].

Die drei Vorgänge hinterlassen ein mulmiges Gefühl mit Blick auf die Macht, die Facebook auf den Meinungsbildungsprozess ausübt. Zu eben jenem Thema hat übrigens in der vergangenen Woche der Medien-Theoretiker Bernhard Pörksen einen wichtigen Artikel in der ZEIT publiziert. In dem Beitrag beschreibt Pörksen, wie Online-Medien aus Erregung Erlöse erzielen — nicht zuletzt durch die Hilfe von Facebook. Der Artikel ist leider online nicht verfügbar. Welch Ironie.