Zahlen, die keiner kontrollieren kann, die aber die Welt bedeuten

Martin

Dieser Artikel stellt eine Frage, auf die es keine Antwort geben wird. Und genau das ist das Problem. Die Frage lautet: Wer kontrolliert außer Facebook, YouTube und Twitter eigentlich die Zahlen, auf denen Ihre Imperien beruhen? Niemand außer Facebook, Google, Twitter und Snapchat selbst. Total irre.

Wirtschaft ist ein unfassbar komplexes System aus extrem undurchsichtigen Vorgängen. Es gibt aber in weiten Teilen der Wirtschaft regulatorische Prinzipien, die Monopole verhindern und fairen Wettbewerb ermöglichen sollen. Denken wir etwa an die Börsenaufsicht im Aktienhandel oder die BaFin im Bankenbereich.

Ausgerechnet aber in dem Bereich, der aktuell die Welt revolutioniert, gibt es das nicht. Die Rede ist von Facebook, YouTube, Twitter, Snapchat und ihren Likes, Shares, Fans, Views, Upvotes, Tweets, Mentions, Followers, you name it.

Facebook, YouTube und Twitter sind im Begriff, ganze Industrien derart auf den Kopf zu stellen, wie es zuvor Apple bereits mit Blick auf die Musikindustrie gelungen ist.

Wer bei Facebook 100.000 Fans hat und entsprechende Interaktionen katalysiert, ist etwas wert. Wer bei YouTube 10.187.964 Views hat, ist etwas wert. Wer bei Twitter 3,2 Millionen Follower hat, ist etwas wert.

Etwas wert deshalb, weil die Werbeindustrie an die Zahlen glaubt und daran eine diffuse Form von Reichweite knüpft. Reichweite, deren Preis wiederum von den Plattformen selbst festgelegt wird.

Facebook, YouTube, Twitter und Snapchat haben somit von außen nicht zu kontrollierende Währungen in Form von Likes, Views und Followers geschaffen, von denen vor allem die Plattformen selbst profitieren mit Blick auf ihre Firmenbewertungen und ihre Werbeinnahmen. Eine Kontrolle ist nicht möglich.

Aber nicht nur die Werbeindustrie schaut auf diese Zahlen und ermittelt so, welche Person oder welches Produkt welchen Wert hat. Auch Journalisten schauen extrem auf die Reichweiten und werden somit zum Spielball dieser Form der Ökonomisierung.

Sicherlich: Es lassen sich etwa Zusammenhänge erkennen zwischen der Anzahl von Likes und Shares auf Facebook und dem Traffic auf einen Artikel oder eine Publikation. Es lässt sich aber niemals von Außen exakt erkennen, ob die Zahlen wirklich in Gänze stimmen.

Wie sollte das auch gehen? Wer könnte händisch Millionen von Interaktionen überprüfen? Wie soll technisch einwandfrei überprüft werden, ob es sich bei den Profilen wirklich um echte Menschen handelt und nicht um Programme, um Views und Fanzahlen nach oben zu treiben? Und warum sollte die Plattformen das überhaupt stören?

Öffentlichkeitswirksam misten Facebook, YouTube und Twitter hin und wieder aus, löschen Accounts, töten Bots. Aber auch hier sind wir lediglich Zuschauer. Eine Überprüfung von Außen findet nicht statt. Kontrolle ist nicht möglich.

Dabei wäre Kontrolle so wichtig in Zeiten, in denen sich der Wert von Publikationen, sich der Wert von Journalismus oftmals danach richtet, wie viele Likes ein Artikel, eine Fanpage bekommen hat. Manche Artikel werden gar nicht erst gelesen, direkt geskippt, wenn sie nicht bereits eine anständige Anzahl von Shares vorweisen.

Durch die neuen Währungen in Form von Likes und Views bekommt auch die Produktion von journalistischen Inhalten eine andere Wertigkeit. Es ist zu erkennen, dass journalistische Inhalte produziert werden einzig mit dem Ziel, in sozialen Netzwerken gut zu performen — eben basierend auf dem Glauben an die Währungen.

Wir glauben einfach an diese Währungen. Und genau das macht sie stark.